Es geschah in einem Haus. Genauer gesagt im Obergeschoss eines Hauses. Irgendwo in der alten Stadt Jerusalem. Vor knapp 2000 Jahren. Da saßen sie zusammen, Frauen und Männer, und warteten ab. Diese Gruppe aus Frauen und Männern, die in jenem Haus abwartete, war die gesamte erste Christenheit. Die war damals noch so groß, dass sie in das Obergeschoss eines Hauses hineinpasste. Aber worauf warteten sie eigentlich? Was sollte damals in diesem Haus mitten in Jerusalem geschehen?

Seit einiger Zeit gab es keine Erscheinungen vom auferstandenen Jesus mehr. Ein paar Tage zuvor, so schildert es Lukas in der Apostelgeschichte, hatten die Jüngerinnen und Jünger zum letzten Mal etwas vom auferweckten Jesus vernommen. Der hatte sich von ihnen verabschiedet und ihnen gesagt: „Verlasst Jerusalem nicht! Wartet darauf, dass in Erfüllung geht, was der Vater versprochen hat. Ihr habt es ja schon von mir gehört: Johannes hat mit Wasser getauft. Aber ihr werdet in wenigen Tagen mit dem Heiligen Geist getauft werden. (…) Wenn der Heilige Geist auf euch herabkommt, werdet ihr Kraft empfangen. Dann werdet ihr meine Zeugen sein – in Jerusalem, in ganz Judäa und Samarien und bis ans Ende der Erde.“ Und nun saßen sie hier in diesem Haus, ohne ihren Meister, ohne diesen direkten und verlässlichen Draht zu Gott. Ganz auf sich gestellt, mut- und kraftlos. Wie sollten sie die lebensdienliche Botschaft weitergeben, die Jesus ihnen so unübertroffen vermittelt hatte? Sie, einfache Menschen als seine Zeugen, als Zeugen Gottes sozusagen. Und das nicht nur für diese Stadt, sondern für das ganze Land, nein sogar die ganze Welt!!! 

Liebe Gemeinde, das sind doch Momente, in denen man sich die Decke über den Kopf ziehen möchte. Zeuge Gottes sein! Wie sollten sie das überhaupt anstellen? Sie waren ja nicht Jesus, der so eindrücklich mit Gleichnissen und mit seiner unübertroffenen Art auf Menschen zuzugehen, deutlich machen konnte, was Gott für das Leben in unserer Welt bedeutet. Wie schafft man es nur, als einfacher Mensch Zeuge Gottes zu sein? Eine Frage, die sich uns allen als Christinnen und Christen stellt und an der wir alle nicht vorbei kommen. Wie wird man Zeuge Gottes? Wie soll man das anstellen ohne dabei den Mut zu verlieren? Selbst wenn man sich viel mit all dem auseinandergesetzt hat, was Jesus uns nahegebracht hat, heisst das ja nicht, dass man dieses wie Jesus umsetzen und weitergeben könnte. Und auch ein Theologiestudium macht einen nicht automatisch zum Zeugen Gottes. Als ich vor zweieinhalb Jahren mein erstes theologisches Examen nach intensivem Studium abgeschlossen hatte, hatte ich gelernt, die Bibel auszulegen, hatte viel Wissen über die 2000 Jahre alte Geschichte der Kirche aufgesogen, mich mit unterschiedlichsten Antworten von früheren und heutigen Theologen auf philosophische und theologische Fragen beschäftigt und untersucht, mit welchen Sinnfragen sich Menschen in der heutigen Gesellschaft auseinandersetzen und was das für die Arbeit und Entwicklung der Kirche bedeutet. Wissen, das für die Arbeit als Pastor elementare Bedeutung hat. Wissen, das wir als Theologen den Menschen in den Gemeinden zur Verfügung stellen sollen und wollen. Zum Zeugen Gottes macht einen dieses Wissen aber noch nicht. Selbst mit einem theologischen Diplom in der Tasche geht es einem also nicht unbedingt anders als den Jüngern und Jüngerinnen, die sich damals in Jerusalem damit konfrontiert sahen, Zeugen Gottes für ihr Umfeld und sogar deutlich darüber hinaus zu sein. Mit so einer Aufgabe auf sich allein gestellt zu werden, das klingt nach einer absoluten Überforderung!

Und darum bleiben wir als Christinnen und Christen auch nicht allein mit dieser Aufgabe! Im Evangelium haben wir vorhin gehört, wie Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern verspricht, dass sie nicht alleine mit dieser Aufgabe bleiben. Er sagt: „Der Vater wird euch den Beistand schicken, der an meine Stelle tritt: den Heiligen Geist. Der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich selbst euch gesagt habe.“ Und das geschah am ersten Pfingsttag. Der Evangelist Lukas malt dieses Ereignis in bunten Bildern aus: „Plötzlich kam vom Himmel her ein Rauschen wie von einem starken Wind. Das Rauschen erfüllte das ganze Haus, in dem sie sich aufhielten. Dann erschien ihnen etwas wie züngelnde Flammen. Die verteilten sich und ließen sich auf jedem Einzelnen von ihnen nieder. Alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt.“ Nach dieser Beschreibung von Lukas fährt den Jüngerinnen und Jüngern der Heilige Geist wie züngelnde Flammen in ihre Glieder und erfüllt diese mit Kraft für ihre Aufgabe. Jene Aufgabe, die ihnen zuvor noch alle Kraft gestohlen hatte. Man könnte auch sagen, mit diesem Pfingsttag waren die Jüngerinnen und Jünger wieder Feuer und Flamme. Der Heilige Geist macht Mut! 

Doch wie macht er das? Wo ist der Heilige Geist denn in unserem Leben am Werk? Ganz einfach: Er ist immer dort, wo wir daran erinnert werden, was Jesus gesagt hat und wie er gehandelt hat. Dort wo unser direkter Draht zu Gott herstellt wird. Und diesen Beistand brauchen wir alle, um Zeugen Gottes zu sein! Die ersten Christen genauso wie wir heutigen Christen. Theologen genauso wie Konfis. Konfirmandinnen und Konfirmanden bereiten sich ein gutes Jahr darauf vor, als Christinnen und Christen und damit als Zeugen Gottes durchs Leben zu gehen. Dafür tauschen sie sich mit den Teamern über das Christsein aus. Ich habe mich als Theologe in meinem Vikariat knapp zweieinhalb Jahre darauf vorbereitet, Pastor, also eine Art beruflicher Christ zu werden, ein Zeuge Gottes, der andere in ihrem Leben als Christen unterstützt. Genauso wie die Konfis mit den Teamern auf echte Zeugen Gottes treffen, die ihnen helfen den Draht zu Gott herzustellen, bin ich hier in der Johannesgemeinde auf zahlreiche Zeugen Gottes getroffen, die mir tagtäglich dabei geholfen haben. Da wo wir auf andere Christinnen und Christen treffen, in deren Leben sich ihr Glauben widerspiegelt, die von ihrem Glauben erzählen und die miteinander ihren Glauben feiern, da werden wir an das Leben Jesu und seine Botschaft erinnert. Da wirkt der Heilige Geist! Dieser Geist hilft uns, Zeugen Gottes zu werden, dieser Geist lässt uns Christinnen und Christen sein.

Als ich als Vikar hier in der Johannesgemeinde in Neustadt im Jahr 2016 begann, spürte ich schnell, dass hier ein ganz besonderer Geist weht und den ein Mitglied der Gemeinde mir gegenüber einmal als „Geist von Johannes“ bezeichnete. An unterschiedlichsten Orten traf ich auf Christinnen und Christen, die mir auf ihre je eigene Weise immer aufs neue Jesu Sicht auf das Leben vor Augen führten. Da ist ein Kirchenvorstand, der mich freundlich in dieser Gemeinde aufnahm, der sich in seiner Freizeit mit aller Kraft darum bemüht, dass die Arbeit für mich und die anderen Hauptamtlichen immer gut möglich war und bleibt. Der alles daran setzt, dass das Gemeindeleben hier vor Ort laufen kann. Da ist eine Küsterin, die unsere Kirche immer perfekt für den Gottesdienst vorbereitet, bis dahin, dass unsere Mikrofone für den Gottesdienst schon mit Batterien bestückt bereit liegen. Da ist eine Sekretärin, die immer ansprechbar ist und einem zu sämtlichen Fragen Auskunft geben kann. Da sind die Mitarbeiterinnen in unseren Kitas und dem Spielkreis, die voller Freude für alle zu betreuenden Kinder da sind. Da sind unsere Organisten, die auch mal darüber hinwegsehen, wenn der Ablauf für den Gottesdienst einen Tag später kommt. Da sind die Teamerinnen und Teamer, die mit Leidenschaft die Konfis begleiten und auch schon mal drei Konfirmationen eines Jahrgangs mitgestalten, obwohl sie auch einen freien Vormittag genießen könnten. Und da ist eine Diakonin, die für die Teamer und mich immer ansprechbar war. Da sind einfach die Menschen, die in den unterschiedlichen Gruppen Chören oder einfach hier im Gottesdienst miteinander leben, die sich nach anderen erkundigen, die z.B. in Besuchsdienst, 60+Angebot und Seniorenkreis für andere da sind, die anpacken wo es nötig ist, die zum Gottesdienst des Vikars oder auf seinen letzten Blogbeitrag gerne eine Rückmeldung geben und die sich beim legendären Tempelmokka miteinander über die zuvor gehörte Predigt austauschen. Und nicht zuletzt gibt es in der Johannesgemeinde eine Pastorin, die sich für die Ausbildung ihres Vikars regelmäßig Zeit herausgenommen hat, die ein wichtiger Gesprächspartner für ihn war. Eine Pastorin, die immer für ihre Gemeinde da ist und mit Leidenschaft lebt, was sie predigt. 

Man könnte noch mehr Worte zu dem besonderen „Geist von Johannes“ verlieren. Hier wird man an vielen Ecken daran erinnert, wie Jesus das menschliche Leben verstanden und gedeutet hat: Als ein von Gott geliebtes Leben, das genossen und gefeiert werden will. Und als ein Leben, das zur Verantwortung für das von Gott geschenkte Leben der anderen einlädt. Wo das zusammen gelebt wird, da findet man Glauben. Da wird man an die Sicht auf das Leben erinnert, mit der Jesus durchs Leben gegangen ist. Da wirkt Gott als Heiliger Geist. Da ist Pfingsten. Solche geist-reichen Lebensäußerungen, egal ob wir hier in der Gemeinde oder zu Hause oder noch woanders darauf treffen, sind der Draht zu Gott, den wir so sehr benötigen, um selber als Christin oder als Christ durchs Leben gehen zu können. Und um selber ein Zeuge Gottes zu werden zu können. Jeder von uns kann für einen anderen der Draht zu Gott werden, auf seine Weise, durch seine Worte und mit seinem Leben. Die Johannesgemeinde war für mich in den letzten zweieinhalb Jahren ein solcher Draht zu Gott! Ich hoffe, ich konnte Ihnen und Euch an der ein oder anderen Stelle etwas theologisches Wissen zur Seite stellen, das für die eigene Gottesbeziehung nützlich ist und ich hoffe, dass ich dabei das ein oder andere Mal für den ein oder anderen ein Draht zu Gott sein konnte. Ihnen und Euch als Johannesgemeinde wünsche ich, dass der Geist weiterhin so stark in dieser Gemeinde wehen möge, wie in den vergangenen Jahren. Gott möge dazu seinen Segen geben. 

Frohe Pfingsten! Vielen Dank und Amen!

 

Predigt zum Pfingstsonntag 2018 und zum Abschied aus meiner Vikariatsgemeinde in Neustadt am Rübenberge.

 

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