Zum Sonntag Misericordias Domini 2017.

Kennen Sie das? Diese kleine Karte aus Plastik? Mit einem Bild vorne drauf; meistens nicht allzu hübsch. Einer Code-Nummer, dem Namen und dem Geburtsdatum? Genau, ein Personalausweis.
Ein bisschen Plastik. Und doch so wichtig. Ich behaupte mal: Die meisten von uns besitzen so eine Karte oder eine so ähnliche, oder warten darauf sie irgendwann zu bekommen. Zum Beispiel, wenn sie 16 Jahre alt werden.
Dieses bisschen Plastik zeigt an, dass wir alle zu einer großen Gemeinschaft gehören. Zu einer Gruppe von ca. 82 Millionen Menschen, die in irgendeiner Form zu Deutschland gehören; zu einer großen Herde, wie der Prophet Ezechiel vielleicht sagen würde. Und eine Herde hat meistens jemand, der für sie verantwortlich ist. Einen Hirten, der darauf aufpasst, dass alle da sind, es allen gleichermaßen gut geht, dass niemand ausgegrenzt wird. Wer ist nun dieser Hirte für unsere 82 Millionen Herde? Angela Merkel? Frank Walter Steinmeier? Oder haben wir nicht eigentlich sogar mehrere Hirten; in Gestalt der zahlreichen Politiker in unserer Bundesregierung?Und warum gleich nach Berlin schauen. Wir haben ja auch Hirten und Hirtinnen in Hannover, in Form unserer Landesregierung. Und sogar in Neustadt: Unseren Bürgermeister und den Stadtrat. Ganz schön zahlreich diese Hirten! Von überall her sorgen Menschen für die große Herde der 82 Millionen und in anderen Ländern auf diesem Planeten ist es nicht anders. Ein riesiger Apparat an Personal sorgt dafür, dass für alle gesorgt ist. Uneigennützig bemühen sie sich darum, dass niemand durch die Maschen fällt, dass es allen gut geht; niemand benachteiligt ist…
Wirklich? Ist das so? Machen diese Hirten immer alles ausschließlich zum Vorteil ihrer Schäfchen? Suchen sie immer die größtmögliche Gerechtigkeit in ihren Entscheidungen?
Nun Politik ist kein leichtes Geschäft und es ist nicht immer leicht Entscheidungen zu treffen, die für alle gleich richtig und gerecht sind. Und doch hat man dann und wann den Eindruck, dass in der Politik nicht jede Entscheidung ganz uneigennützig getroffen wird. Lobbyismus gehört zum alltäglichen politischen Geschäft und führt dazu, dass nicht immer im Sinne von Umwelt oder den Schwächeren in der Gesellschaft entschieden wird. Und nicht selten hört man in den Nachrichten von einzelnen Korruptionsvorwürfen. Haben die Hirten wirklich immer alle im Blick? Nun, bei aller Kritik an dem fehlenden Weitblick unserer politischen Führungspersönlichkeiten, vielen spürt man doch die Bemühung ab, Lösungen zu finden, die allen zu Gute kommen sollen. Und in anderen Gegenden auf dieser Welt sieht es doch deutlich finsterer aus. Viele politische Führungen in dieser Welt blenden sogar aktiv manche von ihren Schäfchen aus. Aus irgendeinem Grund gefällt ihnen an diesen Schäfchen etwas nicht. Sie kümmern sich nur um die Schäfchen mit dem besonders weißen Fell, um die mit der „richtigen“ Lebensweise, oder um die mit der „richtigen“ Religion. Gerade in den letzten Jahren scheint die Horde an selbstsüchtigen Hirten in vielen Ländern in unserer Welt stark zuzunehmen. Gut, dass viele Hirten, nicht gar so sehr an ihrer eigentlichen Bestimmung vorbei leben. Und trotzdem, mit dem Lobbyismus fängt für jeden Hirten, für jede politische Führungskraft, das Aus-dem-Blick-Verlieren mancher Schäfchen an. Schnell werden Entscheidungen getroffen, die nicht der gesamten Herde, der gesamten Bevölkerung, dienen, sondern nur ihnen selbst und ihren eigenen Anhängern. Dieses Anti-Hirten-Verhalten von Hirten ist nichts neues in unserer Menschengeschichte. Das gab es auch schon vor ca. 2500 Jahren. Gerade haben wir gehört wie der alte Prophet Ezechiel sich über ‚seine‘ Hirten beschwert, also über die politischen Führungskräfte, die Könige seines Volkes. Diese hätten ihr Volk ins Unglück gestürzt, weil sie auf ihren eigenen Vorteil und nicht auf den Vorteil der ganzem Bevölkerung bedacht waren. Sie haben von ihrer Bevölkerung genommen, was ihnen nützlich schien; aber sich nicht wirklich für ihre Schäfchen interessiert und für sie gesorgt. Die Menschen ihres Volkes waren für sie nur „Humankapital“. Ein Begriff aus der heutigen Wirtschaftssprache, der schon 2004 zum Unwort des Jahres erklärt worden ist, weil er aus Menschen eine nur noch ökonomisch interessante Größe macht. Wie wir an Ezechiel sehen, ist die Kritik daran Menschen als Humankapital anzusehen, deutlich älter als der Begriff selbst.

Ezechiel kritisiert an den politischen Verantwortlichen seiner Zeit, dass sie nur auf ihren Vorteil aus sind. Darum sei ihre Gesellschaft letztendlich auseinander gebrochen. Und das Reich wurde am Ende von einer stärkeren Großmacht eingenommen. Die Bevölkerung zerschlagen und ein größerer Teil zwangsumgesiedelt. Die Einheit als Volk gab es nicht mehr. Die Könige hatten sich verpflichtet wie Hirten für das Volk zu sorgen, ihm Schutz zu gewähren und eine gerechte Ordnung der Gesellschaft herstellen.
Und nun? Die Herde wurde von ihrer Weide vertrieben, Schutz und Ordnung gab es nicht mehr und einen Hirten, der dafür sorgte schon gar nicht.
Was ist so schwer an diesem Hirtenamt? Warum gelingt es den politischen Verantwortlichen seit 2500 Jahren immer wieder nicht für alle ihre Schäfchen da zu sein? Warum wird aus dem Vorhaben für andere Menschen zu sorgen, so oft ein Vorhaben für sich zu sorgen? Ist das ein Problem von Politik?
Meine These: Es ist ein Problem von Menschen!
Denn Verantwortung für andere übernehmen nicht nur Politiker. Selbstlos für andere da zu sein, niemanden aus den Augen zu verlieren – daran scheitern wir nicht nur auf Stadt-, Landes- und Bundesebene. Das passiert auch in unserem Alltag. Denn wir alle sind nicht nur die Schäflein, sondern auch die Hirten. Nämlich da, wo wir für andere Verantwortung übernehmen.
Lehrerinnen haben Verantwortung für ihre Schülerinnen und Schüler. Sie müssen jeden im Blick haben. Jede Schülerin und jeden Schüler beim Lernen individuell fördern. Erkennen, warum es bei der einen oder dem anderen vielleicht gerade nicht so gut läuft und das bei immer größer werdenden Klassen. Sehen die Lehrerinnen und Lehrer immer das was ihr als Schüler und Schülerinnen gerade braucht?
Ärztinnen und Pfleger haben in besonderer Weise Verantwortung für ihre Patienten. Wer mit einer Erkrankung andere Menschen in Anspruch nehmen muss, wünscht sich, dass sich die Ärzte Zeit nehmen. Dass man ihm zuhört und genau die Behandlung auswählt, die für ihn gerade richtig ist, egal wie voll die Praxis gerade ist. Fühlen sie sich immer ausreichend von Ärzten wahrgenommen?
Neben unser beruflichen Verantwortung tragen wir auch in unserem privaten Leben viel Verantwortung für andere Menschen. Allem voran in der Familie. Auch für unseren Partner sind wir ein Hirte. Schaffen wir es immer ausreichend für ihn da zu sein, auch dann wenn die berufliche Verantwortung uns stark einnimmt? Und wie ist es mit der Verantwortung für unsere Geschwister, Eltern oder Kinder? Nehmen wir uns oft genug Zeit für einen Anruf, hören wir unserer Schwester zu, wenn es ihr schlecht geht, oder lassen wir lieber unsere Frau anrufen, weil gerade wieder so viel zu tun ist? Und wie ist das eigentlich mit den Freunden? „Karsten findet es ja nicht so schlimm, wenn man sich ein paar Monate nicht meldet… mit dem unternehme ich wieder etwas, wenn wieder mehr Zeit ist“. Übernimmt man auf diese Weise Verantwortung?
Gerade wenn die Zeit durch den Beruf und andere Aktivitäten voll wird, produzieren wir immer wieder hirtenlose Schafe um uns herum.

Wie soll man es nur schaffen ein guter Hirte zu werden? Wie soll man es nur schaffen für alle da zu sein?
Und was mache ich eigentlich wenn ich zum hirtenlosen Schaf werde? Wenn die Person, auf die ich so vertraut habe, gerade keine Zeit für mein Problem hat oder es nicht für wichtig erachtet? Plötzlich fühle ich mich von aller Welt verlassen. Genau in dieser Situation befindet sich auch das Volk von Ezechiel. Es ist von allen seinen Hirten verlassen. Aber Ezechiel hat eine tröstende Antwort für sein Volk. Er berichtet ihm von einem ganz besonderen Hirten, der alle Verantwortung für seine Schäfchen auf sich nimmt. Der ein Auge auf die ganze Herde hat. Der nicht auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist, sondern wirklich die beste Lösung für alle sucht. Ezechiel meint Gott.
Gott übernimmt Verantwortung für alle Menschen, wie ein guter Hirte – auch wenn wir es nicht sofort merken. Darauf weißt Ezechiel hin und Jesus hat das mit seinem liebevollen Handeln an anderen deutlich machen wollen; als DER gute Hirte in Person.
Gott ist der Trost und die Hoffnung für all die Menschen, die keinen Hirten haben; Für die Menschen, denen sich vor Einsamkeit zu Hause der Hals zu schnürt. Für die Schüler, die das Gefühl haben, dass in der Schule niemand ihre Stärken erkennt. Für die Menschen, die wegen ihrer Krankheit im Bett liegen müssen und das Gefühl haben, anderen nur eine Last zu sein. Für die Menschen, die in unsrem schon so fortschrittlichen Sozialsystem immer noch durch die Maschen fallen. Sie können sich an Gott klammern, so die tröstenden Worte des Propheten. Er wird für sie sorgen, sie müssen nur daran glauben.
Was für ein hoffnungsvoller Ruf mitten in die Einsamkeit von Menschen! Was für eine Wohltat!
Und was für ein guter Hinweis! Ezechiel weist uns damit nämlich auch darauf hin, wie wir guter Hirte sein können: Indem wir dort zum Hirten werden, wo Gott schon Hirte ist. Und wo wir gemeinsam mit Psalm 23 beten können:

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

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