Hoch stand die Sonne am Himmel und ließ mit all ihrer Kraft die Menschen unter ihren warmen Strahlen schwitzen. Wie immer in dieser Jahreszeit hier in Jerusalem, mitten am Nachmittag. Man könnte meinen, in dieser Nachmittagshitze würden alle zu Hause bleiben oder sich ein schattiges Plätzchen suchen, um dort die heißen Mittagsstunden abzuwarten, und sich dann wieder in den kühlen Abendstunden auf die Straßen zu begeben. Aber dem war nicht so. Viele Menschen waren auch jetzt nachmittags unterwegs. Geschäftig ging es zu auf den Straßen Jerusalems. Kaufleute waren unterwegs. Menschen aus verschiedenen Ländern. Die römischen Aufseher kontrollierten die wichtigen Knotenpunkte in der Stadt. Einheimische waren unterwegs, aber auch Reisende aus allen möglichen Ländern und Regionen und Pilger. Jetzt kurz vor 15 Uhr machten sich viele von ihnen auf, um zum Nachmittagsgebet in den Tempel zu gehen. Den Ort, an dem nach jahrhundertealter jüdischer Tradition Gott direkt anwesend war. Durch eine „Schöne Tür“ gelangte man in die Vorhalle und konnte Gott ganz nahe sein. Auch an diesem Tag machten sich wieder viele Menschen auf den Weg, um durch diese schöne Tür zu treten. Um Gott ganz nahe zu sein. Das gehörte zum jüdischen Leben damals einfach dazu. Auch zwei Jünger Jesu machten sich an jenem Nachmittag auf den Weg zum Tempel. Das waren Petrus und Johannes. 

Es war die Zeit in der die Jünger und Jüngerinnen damit begannen, anderen Menschen in der Stadt von ihren Erlebnissen mit Jesus zu erzählen. Davon, was ihnen Jesus von Gott erzählt hatte. Dass dieser Gott ein Gott ist, der mit den Menschen durch dick und dünn geht. Auf den man sich verlassen kann. Dem man vertrauen kann. Komme was wolle. Ein Gott, der das Leiden dieser Welt kennt, der mit-leidet. Der schwach ist, wenn es nötig ist und stark sein kann, wenn man es braucht. Ein Gott, der sich den Menschen zuwendet, der sie anschaut und nicht wie ein König im Himmel residiert und darauf wartet, dass die Menschen sich vor ihm niederwerfen. Gott ist nicht wie ein König, sondern wie ein Bruder, eine Freundin, oder eben ein Passant. 

Darum mag es einen nicht wundern, dass sich die besondere Geschichte von Petrus und Johannes eben vor jener „Schönen Tür“ des Tempels abspielte und nicht im Tempel. Eben als eine Geschichte von Passanten. Viele Menschen in Jerusalem querten am Tag den Weg zum Tempel: große, kleine, Frauen, Männer, Fremde und Einheimische. Und mitten im Gewirr der Beine, die auf diesem Weg unterwegs waren saß ein Mann. Ganz unscheinbar, am Rand, bettelte er um Almosen. Mehr konnte er nicht. Schon länger waren seine Beine gelähmt. Seine Familie ließ ihn seit seiner Lähmung jeden Tag an diese Stelle setzten. Hier, wo so viele Menschen vorbeikamen, damit genug Geld für seinen Lebensunterhalt zusammenkäme. Hier saß er nun jeden Tag auf der Straße. 

Den Tempel hatte er noch nie von innen gesehen. Mit dem Leben eines einfachen Mannes, zumal eines Mannes, der nicht laufen konnte, hatte Gott nicht viel zu tun. Gott schien weit weg von seinem Leben. Gott war hinter der schönen Tür. Und er, als gelähmter Mann, war hier auf dem Weg, zwischen eilenden Beinen. Den Blick auf die Oberschenkel der Vorbeiziehenden gerichtet. Das war er gewohnt. Die Gesichter der Menschen und ihre Augen sah er nur selten. Ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht hatte schon beinahe verlernt. Er war nicht auf Augenhöhe mit den anderen Menschen, und schon gar nicht auf Augenhöhe mit Gott. 

Liebe Gemeinde,
ich vermute einmal, auch Sie kennen so ein Gefühl, zumindest aus der ein oder anderen Situation. Manchmal hat man das Gefühl, dass das wahre Leben an einem vorbeiläuft. Bei den anderen, da klappt vermeintlich alles. Die stehen fest im Leben und kommen voran. Und man selbst bleibt auf der Strecke. Gut, wenn dieses Gefühl nicht allzu lange anhält. Denn solche Situationen können zur Belastungsprobe werden! 

Trotz einer nahezu erreichten Vollbeschäftigung in Deutschland machen sich hierzulande tagtäglich viele Menschen auf den Weg zum Arbeitsamt. Viele von Ihnen wiederholt, regelmäßig. Während die anderen auf dem Weg zu ihrer Arbeit sind, biegen sie zum Arbeitsamt ab. Ziehen eine Nummer und fühlen sich im schlimmsten Fall wie eine Nummer. Warten, warten, auf den Aufruf warten. Dann eintreten, vortreten, offenlegen, alles was man hat. Auflagen erfüllen, Reserven verbrauchen, Weiterbildung beginnen, nötigstes Geld erhalten. Und hoffentlich Aussicht auf eine neue Anstellung erhalten. Im schlimmsten Falle der ganze Ablauf immer wieder von vorn. Wie gut, dass viele heute in Deutschland eine Anstellung finden. Und doch drehen sich andere im Kreis. Ihre Lebensumstände lassen es nicht zu, dass sie die nötigen Qualifikationen für eine neue Anstellung erwerben können, weil sie alleinerziehend sind oder für längere Zeit krank ausgefallen waren, weil ein früher Schulabbruch vielleicht einfach nicht schnell genug aufgeholt werden kann oder weil sie für den Markt schlichtweg als „zu alt“ gelten. Es gibt zahlreiche Faktoren, die dazu führen können, dass Menschen auch in unserer Gesellschaft aus dem Sumpf der Arbeitslosigkeit nicht mehr herauskommen. Ihr Weg führt sie immer wieder zurück ins Arbeitsamt, um eine Nummer zu ziehen, zu warten, warten und warten, dann aufgerufen zu werden, einzutreten, vorzutreten, offenzulegen, alles was man hat. Auflagen zu erfüllen, Reserven zu verbrauchen, Weiterbildungen zu beginnen und nötigstes Geld zu erhalten. Im schlimmsten Falle wird dieses zu einem dauerhaften Kreislauf, einem wahren Teufels-Kreis. Und der Begriff passt! Denn teuflisch wirkt dieser Kreislauf. Hält Menschen klein in ihrer Existenz, hält Menschen raus aus dem Leben. Kein Weg zur Arbeit, wie bei den anderen. Da kann man schnell das Gefühl bekommen, dass das wahre Leben an einem vorbeiläuft. Bei den anderen, da klappt anscheinend alles. Die stehen fest im Leben und kommen voran. Und man selbst bleibt vermeintlich auf der Strecke. 

Wer das erlebt, hat schnell das Gefühl, sich am Rande der Gesellschaft zu befinden. Nicht auf Augenhöhe mit den anderen. So wie der gelähmte Mann an jenem heißen Tag damals in Jerusalem. Es gibt Lebenssituationen, die lähmen mich; die lähmen mich so sehr, dass ich es einfach nicht mehr schaffe, am Leben der anderen, am „normalen“ Leben der Gesellschaft teilzunehmen. Das frustriert. Aufschauen zu den anderen mag man da nicht. So auch der Mann damals in Jerusalem. Ohne sie anzuschauen, bittet er Petrus und Johannes, um einen Almosen. Streckt ihnen die Hände entgegen, den Kopf nach unten ins Leere gesenkt. Doch anstatt, dass die beiden Männer ihm schnell etwas zustecken und weitergehen, oder einfach nur an ihm vorbeigehen, sagt der eine von ihnen zu ihm: „Sieh uns an“. Der Mann schaut auf, in Erwartung ein Almosen zu bekommen. Doch dann sagt ihm der Mann vor ihm: 

»Gold und Silber habe ich nicht. Aber was ich habe, das gebe ich dir:
Im Namen von Jesus Christus, dem Nazoräer: Steh auf und geh umher!«  (Apg 3,6)

Dann fasst Petrus ihn an der rechten Hand. Und tatsächlich beginnt der Mann zu laufen. 

Erstaunlich!
Was diese Geschichte deutlich machen will? Zweierlei. Erstens: Petrus und Johannes haben keinen Almosen für den Mann. Sie haben nichts dabei, was ihn letztlich in seiner Situation am Rande der Gesellschaft belassen würde. Sondern sie holen diesen Mann zurück in das Leben! Auf Augenhöhe mit den anderen Menschen. Ein Almosen hätte ihm natürlich seinen Lebensunterhalt als gelähmter bedürftiger Mann gesichert. Das ist gut. Aber das was Petrus und Johannes haben ist besser. Sie schauen den Mann an, richten ihn auf und holen ihn vom Rande der Gesellschaft mitten ins Leben zurück.
Und sie tun es im Namen von Jesus Christus und damit im Namen Gottes. Diesem Mann am Straßenrand ist an jenem heißen Tag auf jener Straße Gott begegnet. Denn Gott ist da, wo Menschen einander sehen und niemand am Rand liegen bleibt und in seiner Situation zurückgelassen wird. Das ist also das zweite, was die Geschichte deutlich machen will: Gott begegnet man nicht allein hinter der schönen Tür des Tempels, von Kirchen oder anderen heiligen Orten. Sondern da, wo Menschen ihren Weg zurück ins Leben finden.

Am vergangenen Dienstag haben wir hier im Kloster an Tischen über den Sinn oder Unsinn des Bedingungslosen Grundeinkommens diskutiert. Von Ronald Blaschke und Dr. Martin Koch hörten wir von profilierten Vertretern zu diesem Thema pro- und contra-Argumente und konnten diese anschließend gemeinsam an den Tischen diskutieren. Bei allen verschiedenen Positionen, die am Ende des Abends dabei herauskamen, so war mein Eindruck doch, dass alle Anwesenden der Wichtigkeit des Themas zustimmten. Der Wichtigkeit, dass Menschen aus dem Teufelskreis von Arbeitslosigkeit und Armut geholfen werden muss. Damit Kinder und Jugendliche, junge und ältere Erwachsene am gesellschaftlichen Leben teilhaben können und nicht verankert bleiben am Rande der Gesellschaft, ohne Perspektive, ohne Lust auf die Zukunft. Vielleicht kann eine Form bedingungslosen Grundeinkommens hierzu ein Beitrag sein. Ein Beitrag, der Menschen nicht als Arbeitslose und Arme brandmarkt, sondern ihnen gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht. Das anders als Arbeitslosengeld nicht wie ein Almosen wirkt, sondern Menschen vom Rand der Gesellschaft holt und sie auf Augenhöhe mit allen anderen leben lässt. Aus christlicher Perspektive geht jedenfalls kein Weg daran vorbei, dass von der Politik eine solche Option zum klassischen Arbeitslosengeld geprüft und diskutiert werden muss. Denn dort, wo Menschen gesehen werden, die sonst nicht gesehen werden, dort, wo Menschen in den Blick genommen werden, da ist Gott! Im Namen Jesu Christi, in Erinnerung an Petrus und Johannes lasst uns aufstehen. Menschen in den Blick nehmen, ihnen die Hand reichen und sie zurück ins Leben führen. 

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