Es klirrt und scheppert! Ich schaue mich um. Wo kommt dieses Geräusch her? Vor mir laufen zwei Männer mit Anzügen und Aktentaschen. Schon eine ganze Zeit laufe ich hinter ihnen her. Das Klirren, das nun immer deutlicher zu hören ist, scheint sie nicht zu stören. Sie unterhalten sich weiter, ohne den Kopf zur Seite zu bewegen. Mich hingegen lässt das Klirren nicht los – wo kommt es her? Ich schaue mich um, auf der anderen Seite läuft eine junge Frau den Gehweg entlang. Keine Spur davon, dass das Klirren von ihr käme. Ich suche weiter. An der Kreuzung, die vor mir liegt, überqueren drei Menschen die Straße. Ich beobachte einen Jungen, der abgeschirmt von Kopfhörern eine ältere Frau überholt, die gerade ihren Rollator auf die Straße setzt und einen Mann im mittleren Alter, der mit zwei Stoffbeuteln bewaffnet gerade auf meiner Straßenseite angekommen ist. Er steuert zu auf den orangefarbenen Mülleimer, der direkt am Mast unter der Ampel hängt, die nun gerade wieder auf rot schaltet. Ich sehe, wie er in den Mülleimer hineinlangt. Mir wird ganz flau im Magen bei diesem Anblick. Da ich selbst gleich die Straßenseite wechseln will, bleibe ich an der Kreuzung stehen und schaue ihm zu, wie er eine Flasche nach der anderen aus dem Mülleimer zieht und in seine Stoffbeutel stopft, die schon gut gefüllt mit Flaschen sind. Wie Schuppen fällt es mir von den Augen. Daher kommt das Klirren, was ich die ganze Zeit gehört habe. Der Mann zieht weiter, zielstrebig zum nächsten Mülleimer, der nur ein paar Meter weiter an einer Bushaltestelle hängt. Direkt davor hat mittlerweile die alte Dame auf ihrem Rollator Platz genommen. Sie sitzt direkt vor dem Mülleimer und erfrischt sich mit einer kleinen Flasche Wasser. Oh je, denke ich, was wird das geben, wenn der Mann mit seinen klirrenden und nicht eben sauber wirkende Stoffbeuteln an dieser älteren Dame vorbei zu diesem Mülleimer möchte. Und dann gefühlt auf ihrem Schoß in der Mülltonne wühlen wird? Die verrücktesten Bilder entstehen vor meinem inneren Auge. Ich stelle mir vor, wie die ältere Dame von ihrem Rollator aufspringt, den stilvoll geblümten Schirm ergreift und dem Mann auf den Kopf haut, um ihn zu vertreiben, wie sie sich gegenseitig beschimpfen und die alte Dame wild gestikulierend mit ihrem Schirm hinter dem Mann hinterherruft, was dieser sich denn einfallen lassen würde, direkt neben unbescholtenen Bürgern in der Mülltonne zu wühlen. Ob er das nicht gefälligst im Dunkeln machen könnte, wenn ihn keiner sieht…
Doch nichts von alledem passiert! Während die alte Dame in meinen Gedanken noch wild schimpfend mit ihrem Schirm gestikuliert, kommt ihr der Mann mit seinen Stoffbeuteln in Realität immer näher. Sie bemerkt ihn und mustert seine Taschen. Dann nimmt sie noch einen beherzten Schluck aus ihrer Wasserflasche, schraubt dem Schraubverschluss zu und hält die Flasche dem Mann entgegen. Der bedankt sich und deutet auf den Mülleimer hinter der Dame. Daraufhin steht die Frau auf, fährt den Rollator ein Stück zur Seite, sodass der Mann an ihr vorbei zum Mülleimer kommt. Dann setzt sie sich, blickt den Mann freundlich an und lässt ihn in aller Ruhe an den Mülleimer treten. Der Mann schaut erstaunt. Er prüft den Mülleimer auf weitere Flaschen und macht sich am Ende klirrend davon. Ich stehe immer noch an der Kreuzung und staune nicht schlecht über das, was sich vor meinen Augen abgespielt hat. Wieviel Zeit ist eigentlich gerade vergangen? Ich drehe mich zur Ampel um, vermutlich ist sie schon einige Male zwischen rot und grün umgesprungen. Die Männer in ihren Anzügen sind jedenfalls nicht mehr zu sehen. Vielleicht sind sie sogar schon da angekommen, wo sie hinwollten und können sich schon wieder darum kümmern, ihren Businessplan zu erfüllen. Ich nicht, ich stehe noch immer an der Kreuzung und denke über das nach, was ich gerade beobachtet habe. Wenn ich dieser Mann gewesen wäre, wie gut hätte mir das Verhalten dieser Frau getan. Mit nur einem Blick hatte sie erkannt, was der Mann gerade brauchte. Hatte nicht lange gefackelt und ihm ihre Wasserflasche entgegengehalten. Und auch wenn der Mann nicht großartig dankbar darauf reagierte, hatte ich den Eindruck, dass er doch etwas leichter von der Bushaltestelle wieder aufgebrochen war. Kurz denke ich darüber nach, wie ich wohl reagiert hätte, wenn ich in der Situation der alten Dame gewesen wäre. Wenn ich, schlecht zu Fuß und glücklich, dass ich nach einem beschwerlichen Fußmarsch nun endlich mal sitzen kann, wenn ich dann mit Schmerzen im Rücken aufstehen müsste, meinen Rollator zur Seite schieben, nur um einen Mann zu ermöglichen in einer Mülltonne zu wühlen, damit dieser eventuell eine Pfandflasche darin finden könnte. So ein Aufwand für vielleicht 20 Cent. Bei so vielen Mülleimern, die es in dieser Stadt gab. Warum müsste es denn ausgerechnet der Mülleimer hinter meinem Rollator sein? Die alte Dame schien nicht einen Gedanken an so etwas verschwendet zu haben, obwohl sie wirklich angestrengt gewirkt hatte, als sie mit ihrem Rollator die Straße wechselte und auch als sie für den Mann wieder von ihrem Rollator aufstand. Ich denke und denke und stelle fest, dass es mittlerweile angefangen hat zu dämmern. Die Kreuzung habe ich mittlerweile überquert. Die alte Dame dürfte mit dem Bus schon an ihrem Ziel angekommen sein. Ich nicht. Ich laufe weiter durch die Straße. Wo wollte ich eigentlich hin? Irgendwie ist das schon bedeutungslos geworden. Diese Frau hat nicht nur den Mann mit seinen Stoffbeuteln überrascht, sondern auch mich ganz aus dem Konzept gebracht. Die ganze Zeit muss ich darüber nachdenken, warum ich mich nicht von Anfang an in diesen Mann hineinversetzt habe. Warum ich erst darüber nachgedacht habe, wie dieser Mann sich fühlt, als die Frau so freundlich mit ihm umgegangen ist. Und immer mehr wird mir bewusst, dass ich diesen Mann mit seinen unschönen Stoffbeuteln zunächst nur als einen im Müll wühlenden Störfaktor wahrgenommen habe und nicht als einen Menschen. Erst der herzliche Umgang dieser Frau hat mir deutlich gemacht, dass dieser im Müll wühlende Störfaktor unter anderen Umständen auch ich hätte sein können…
Es wird immer dunkler, als ich gedankenversunken die Straßen entlanglaufe. Und während ich in dieser Dunkelheit peinlich berührt von mir selbst vor mich hingrübele, beginnt es plötzlich, am Ende der Straße zu leuchten. Ein kleiner leuchtender Punkt kommt langsam auf mich zu. Was kann das wohl sein, frage ich mich? Da taucht noch ein zweiter leuchtender Punkt auf. Dann ein dritter und vierter. Immer mehr leuchtende Punkte kommen hinzu und bewegen sich fröhlich tanzend auf mich zu. Ich bleibe stehen und beobachte die leuchtenden Punkte, die das Dunkel der Straße langsam erhellen. Es sind Laternen, die von ihren Besitzern fröhlich durch die Straßen getragen werden. Es dauert nur ein paar Minuten, da stehe ich mitten drin in einem Meer aus Lichtern und fröhlich singenden Kinderstimmen. Ein Martinsumzug, wie ich ihn noch aus meiner Kindheit kenne. Ich lasse mich anstecken von der guten Laune, entschließe mich mein eigentliches Ziel nun ganz auf später zu verschieben und mich den Kindern und ihren Eltern anzuschließen. Ich beobachte die leuchtenden Sonnen und Sterne um mich herum und denke mir, dass es ganz schwierig ist im Dunkeln Flaschen zu sammeln, selbst mit einer Taschenlampe. Immer weiter läuft der Laternenumzug und ich mit ihm. Bis der Umzug an einer großen Kreuzung zum Stehen kommt. Ich schaue mich um. Die Kreuzung ist abgesperrt von der Polizei und auch die Feuerwehr achtet darauf, dass nichts passiert. Die Gruppe von Kindern und Erwachsenen stellt sich im Halbkreis auf und ich warte zusammen mit allen anderen darauf, was nun gleich passieren wird. Plötzlich trabt ein wunderschönes Pferd auf die Kreuzung, auf ihm ein stattlicher Mann mit einem roten Mantel bekleidet. Die Kinder staunen. Und auch ich staune nicht schlecht, als eben dieses Pferd vor einer Bushaltestelle zu stehen kommt, die mir sehr bekannt vorkommt. An eben jener Bushaltestelle, an der vorhin die alte Dame auf den flaschensammelnden Mann traf, da sitzt nun ein bibbernder und frierender Bettler. Ohne lange zu zögern, steigt Martin von seinem Pferd, nimmt seinen Mantel und teilt ihn in zwei Teile. Dann gibt er den einen Teil dem frierenden Bettler. Der Bettler zieht den halben Mantel dankbar über, während Martin auf die Kinder zugeht und ihnen sagt: „Dieser Mann könnte ebenso ich selbst sein. Darum teile ich mit ihm.“
Ich muss schmunzeln, denn es ist, als ob ich dieselbe Szene heute zwei Mal beobachten kann. Denn mit dem gleichen Einfühlungsvermögen, mit dem die alte Frau dem Flaschensammler ihre Flasche gereicht und Platz am Mülleimer gemacht hatte, mit dem gleichen Einfühlungsvermögen hatte gerade dieser St. Martin seinen Mantel geteilt und dem frierenden Bettler angeboten. Und das auch noch an der gleichen Bushaltestelle. Beide haben sie den Menschen in ihrem Gegenüber gesehen und sind darum ohne zu zögern auf die beiden Männer eingegangen. Mir wird klar, ich habe mit dieser alten Dame vorhin den modernen weiblichen St. Martin getroffen, die mir gezeigt hat, wie Gott sich diese Welt vorstellt: Als Gemeinschaft von Menschen, die sich in den anderen hineinversetzen. Sie erkennen in ihm immer den Menschen, hat er nun dreckige Stoffbeutel bei sich oder einen Rollator. Immer den Menschen im anderen zu sehen, sich in seine Situation so gut es geht einzufühlen, ist eine Lebenseinstellung, die wahrhaft christlich ist. Denn diese Lebenseinstellung hat schon das Leben von Jesus geprägt. Er hat jeden Menschen auf Augenhöhe angesprochen, egal welche Sicht dieser auf das Leben hatte, welche Probleme er hatte, oder ob er von anderen gemieden wurde. Denn egal, ob wir einen dreckigen Stoffbeutel oder einen Rollator mit uns führen, oder ob wir wie der Bettler auf der offenen Straße frieren. Wir bleiben doch Menschen, Geschöpfe Gottes. Geliebt und und von ihm geachtet. Darum lasst uns den Menschen im andere erkennen, gerade dann, wenn es schwer fällt! Denn damit haben schon einige Christinnen und Christen die Welt um sich herum ein bisschen zum Guten verändert.

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