Die Palmwedel sind bereit gelegt. Der Messias ist da. Sieh, dein König kommt zu dir. Er zieht auf einem Esel ein. Showdown.

Der Einzug von Jesus in Jerusalem ist der Anfang vom Ende. Der Anfang vom Ende der Evangelienerzählungen und der Anfang vom Ende Jesu: Denn auf den feierlichen Einzug von Jesus in Jerusalem folgt sein Leiden: Der Verrat von Judas. Missverständnisse der Jünger. Schlafende Freunde im Garten Gethsemane, in der Nacht, in der Jesus mit der Angst vor dem Sterben ringt. Die Verhaftung und Verspottung. Peitschenschläge und Verhöre. Seine Verurteilung zum Tod. Dann die Kreuzigung, ein Sterben unter Schmerzen. Und schließlich der Tod selbst. Gut, dass wir wissen, dass der Tod Jesu nicht das allerletzte, sondern nur das vorletzte Wort der Evangelienerzählungen ist. Denn das letzte Wort ist seine Auferweckung! Ostern!

Aber noch ist nicht Ostern. Jetzt zieht Jesus erst einmal in Jerusalem ein. Und ihm steht unfassbar viel Leiden bevor.

Die Pläne gegen ihn sind schon gefasst. Da zieht sich Jesus noch einmal mit seinen Jüngerinnen und Jüngern an den Stadtrand zurück. Nach Bethanien in das Haus von Simon. Noch einen Abend, den er in gewohnter Weise verbringen kann, zusammen mit seinen Jüngern beim Essen. Nur noch kurz, dann wird er verraten, nur noch kurz, dann wird er sterben…

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mir zieht sich bei dieser Vorstellung der Magen zusammen. Ich finde sie gruselig, diese Vorabende vor schlimmen Ereignissen, auch wenn es lange nicht so schlimme Ereignisse sind wie die, auf die Jesus wartete. Wie hält man solche Stunden am besten aus? Was hilft Ihnen in so einer Situation am besten?

Eine Möglichkeit wäre vielleicht sich abzulenken. Etwas Lesen oder Fernsehen. Aber einen schönen, fröhlichen Film und nichts Trauriges oder Ernstes. Oder doch gerade was Ernstes, damit man merkt, dass das, was da morgen auf einen wartet, vielleicht gar nicht so schlimm ist. Hmmm… also das hätte bei Jesus wohl nicht funktioniert. Denn schließlich gab es noch keine Filme und etwas Schlimmeres als das, was Jesus bevorstand, ist wohl kaum denkbar.

Eine andere Variante ist früh zu Bett zu gehen und zu schlafen, damit man nicht mehr dieses Warten aushalten muss. Dieser Plan wird bei mir meist dadurch verhindert, dass ich es an so einem Abend schlicht nicht schaffe, früh einzuschlafen. Denn all das was auf einen wartet, tobt durch den Schädel. Ich kenne das nur zu gut, dass alle möglichen Szenarien in meinem Kopf durchgespielt werden. Ich wälze mich von der einen auf die andere Seite und komme nicht zur Ruhe. Und falls ich es doch schaffen sollte einzuschlafen, wache ich mitten in der Nacht schweißnass auf und die Szenarien im Kopf toben weiter.

Noch eine andere Variante mit den Stunden vor schlimmen Ereignissen umzugehen, ist folgende: Man kann den Abend mit lieben Menschen aus der Familie oder Freunden verbringen. Wobei es hier natürlich darauf ankommt ist, dass diese Menschen Verständnis für die schwierige Situation haben. Dass sie wissen, was man an diesem Abend gerade braucht; an Gesprächsthemen, an Ruhe; an Nähe und freundlichen Blicken.

Jesus wählt letztere Möglichkeit den Abend zu verbringen. Er setzt sich am Vorabend vor allem Leiden mit seinen Jüngern zusammen; im Haus Simons am Stadtrand von Jerusalem: Als er dort mit seinen Jüngern zusammensitzt, tritt plötzlich eine Frau zur Tür herein und geht auf Jesus zu. In den Händen hält sie ein Fläschchen mit Salböl, sie öffnet es und träufelt Jesus das Öl über seinen Kopf. Genau so, wie man es in der damaligen Zeit im Orient mit Königen machte, wenn sie mit ihrer Herrschaft begannen. Jesus lässt das bereitwillig über sich ergehen und scheint es zu genießen. Aber seine Freunde sind aufgebracht. Denn das Öl aus Narde, das diese Frau Jesus über den Kopf träufelt, hat den Wert eines damaligen Jahreslohns, umgerechnet wären das heute zwischen 15.000 und 20.000 Euro. Die Jünger fahren die Frau an: „Wie kannst Du nur? Das ganze Geld hätte man doch den Armen geben können! Wie kann man so verschwenderisch sein, für einen einzigen Moment?“ Sie sind überzeugt von ihrer Kritik an der Frau. Schließlich hatte Jesus ihnen ja gesagt, dass man sich für die Armen einsetzen solle: „Verkaufe alles, was du hast und gib das Geld den Armen“ (Mk 10,21), hallt es vielleicht noch in ihren Köpfen nach. Und nun so eine Verschwendung, was wird Jesus dazu sagen! Aber er sagt: „Lasst sie doch!

Warum macht ihr der Frau das Leben schwer? Sie hat etwas Gutes an mir getan. Es wird immer Arme bei euch geben,

und ihr könnt ihnen helfen, sooft ihr wollt.“ Wie überrascht dürften die Jünger hier gewesen sein. Und auch ich stutze an dieser Stelle: Ein Verschwendung befürwortender Jesus!

Das ist ja schon verblüffend. Ist das der gleiche Jesus wie der, der gesagt hat: Glückselig seid ihr, die ihr arm seid, denn euch gehört das Reich Gottes (Lk 6,20); der gleiche Jesus, der gesagt hat: es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher in das Reich Gottes hineinkommt (Mk 10,25)? Ist das der Jesus, der auf einem jungen Esel, statt auf einem edlen Pferd in Jerusalem einzieht?

Ja, es ist der gleiche Jesus! Denn in diesem Moment geht es gar nicht um die Armen. In diesem Moment geht es um Jesus und darum, was diese Frau für ihn tut.

Jesus wartet darauf, dass ihm Freunde in den Rücken fallen und ihn im Stich lassen. Er wartet darauf, dass man ihm ins Gesicht spuckt und ihn auspeitscht. Er wartet auf seinen Tod. Mit dem Salböl tut die Frau Jesus etwas Gutes.

Im Psalm haben wir vorhin gemeinsam gebetet: „Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbst mein Haupt mit Öl und schenkst mir voll ein“ (Ps 23). Jesus sitzt am Tisch, auch mit dem Menschen, der ihn vielleicht schon am nächsten Tag verraten wird. Am Tisch, von Angesicht zu Angesicht mit Judas. Und mit Petrus, Jakobus und Johannes, die im Garten einschlafen werden, wenn er mit seiner Todesangst ringt. An diesem Tisch wird Jesus mit Öl gesalbt, indem die Frau ihm das kostbare Nardenöl über den Kopf, auf sein Haupt, träufelt. Ein Zeichen dafür, dass Gott immer bei Jesus bleiben wird. Auch, wenn er am Tisch mit seinen Feinden sitzt und durch das dunkle Tal wandert, wie es der Psalm sagt.

Die Salbung mit Öl ist ein Zeichen für den Beistand Gottes. Die Salbung der Könige in dieser alten Zeit sollte ein Zeichen für diese sein, dass Gott sie in ihrem ganzen Wirken begleiten wird. Die Salbung Jesu durch die Frau an diesem Abend am Stadtrand von Jerusalem ist ein Zeichen für Jesus: Gott verlässt dich nicht in all dem Leiden, das dir nun bevorsteht. Das ist wohl die größte Wohltat, die man Jesus an diesem Abend machen konnte. // Das ist wohl

die größte Wohltat, die man einem Menschen überhaupt am Abend vor einem schlimmen Tag machen kann.

War das Öl für diesen Zweck zu teuer?, könnte man jetzt fragen. Und sachlich könnte man sagen: Man hätte wohl auch ein günstigeres Öl für dieses Zeichen verwenden können. Aber sachliche Richtigkeiten zählen in dieser Situation nicht. Die Frau hat keine Kosten und Mühen gescheut, um Jesus diesen wohltuenden Moment zu verschaffen. Einen zufriedenen Moment, im Angesicht dieses ganzen Leids, das ihm bevorsteht, im Angesicht seines Todes. Würden Sie nicht auch alle Hebel in Bewegung setzen, um einem Menschen, den Sie lieb haben, etwas Gutes zu tun? Diese Frau tut es.

Wenn ein Freundin mit starker Behinderung sich wünscht, mit auf das Konzert von Beyoncé gehen zu können. Trotz eingeschränkten Möglichkeiten und Rollstuhl. Auch wenn es schwer wird die Reise dorthin zu unternehmen. Diese Frau würde mit ihr hinfahren.

Wenn sich ein Mann zum Alkoholentzug in einer Klinik befindet. Diese Frau würde hinfahren und ihm eine Stunde ihrer Freizeit opfern, um ihm bei einem Spaziergang ein bisschen von dem normalen Leben zu schenken, nach dem er sich so sehr sehnt.

Wenn es der letzte Wunsch eines lieben Menschen wäre, noch einmal Paris zu sehen. Seine Kraft aber nur für zwei Tage reicht. Diese Frau würde mit ihm losfahren. Egal was es kostet.

Seit Anfang letzten Jahres gibt es in Hannover Ansprechpartner, um Sterbenden ihre letzten Wünsche zu erfüllen. Bei dem Projekt „Ein letzter Wunsch“,der Infinitas-Kay-Stiftung, versuchen Ehrenamtliche alles mögliche in Bewegung zu setzen, dass diese letzten Wünsche erfüllt werden können. Sie fahren mit den Menschen zu Konzerten und gehen mit ihnen auf kleine und manchmal auch größere Reisen. Sie bemühen sich darum, alle Wünsche so gut es geht zu erfüllen. Manchmal ist das leicht, manchmal kostet es größeren Aufwand. Auf diese Weise kann der Wunsch eines sterbenden Menschen, zum Beispiel ‚noch einmal das Meer zu sehen‘ erfüllt werden, auch wenn es wegen des körperlich schlechten Zustands manchmal nur das Steinhuder Meer sein kann. Diese Ehrenamtlichen helfen. Spontan. Da wo es nötig ist. Kosten spielen hier die kleinere Rolle. Sie sind wie die Frau aus dem Evangelium: Sie sind da, wo sie gebraucht werden und geben das, was sie haben. Das ist ungebremste Hingabe oder wie Jesus über die Frau, die ihn salbt, sagt: „Diese Frau hat getan, was sie konnte.“

In schweren Stunden braucht es keine sachlichen Analysen, sondern die spontane Zuwendung eines anderen Menschen. Die Tatsache, dass das Öl teuer war, ist richtig. Auch, dass man das Geld an Arme hätte geben können. Aber das hat nichts damit zu tun, dass die Salbung mit dem Öl Jesus in seiner Situation gut getan hat und dass die Frau es einfach nur gut mit ihm gemeint hat. Sie keine Kosten und Mühen gescheut hat, um Jesus zu zeigen, dass Gott bei all dem, was auf ihn zukommt, bei ihm ist. Gott salbt sein Haupt mit Öl durch die Hand dieser Frau. Er lässt ihn nicht allein, egal was passiert, egal was es kostet. Das ist ungebremste Hingabe.

Darum sagt Jesus auch, dass man sich an diese Frau immer erinnern wird, wenn man von seiner Geschichte erzählt. Denn diese Frau hat wie Gott gehandelt. Sie hat nicht berechnet, was zu tun sein könnte. Sie war für Jesus da.

Hingabe rechnet sich nicht. Hingabe tut gut!

 

Predigt zum Palmsonntag 2017 über Markus 14,3-9.

 

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