Zum Sonntag Judika 2017.

Nicht zu fassen. Gerade ist alles richtig. Alles so schön. So wie sie es sich beide immer gewünscht hatten. Lange hatten sie sich schon ein Kind gewünscht. Aber es klappte einfach nicht. Schließlich sieht es so aus, als ob es nichts mehr wird mit dem gemeinsamen Kind. Da entschließt sich Sarah, dass Abraham mit ihrer Magd Hagar ein Kind bekommen soll. Und so geschieht es. Sie bekommen einen Sohn mit Namen Ismael. Doch kurze Zeit später sagt Gott Abraham voraus, dass er auch mit Sarah zusammen ein Kind bekommen wird. Es geschieht tatsächlich. Sie bekommen ihr lang ersehntes Kind. Einen Sohn, den sie Isaak nennen. Was für ein Gottes-Geschenk! Dann als sie schon nicht mehr damit gerechnet haben, klappt es doch noch mit dem gewünschten Kind.
Doch nun das! Gerade als sie ihren so sehr ersehnten Sohn Isaak in Händen halten, ihn großziehen und alles gut aussieht, fordert Gott von ihnen, dass sie ihn wieder her geben. Gott fordert Abraham auf seinen Sohn Isaak zu opfern. Ich bekomme an dieser Stelle der Erzählung Gänsehaut und erschrecke. Aber Abraham steht einfach am nächsten Tag auf und leitet alles in die Wege. Angesichts dieser ungeheuerlichen Forderung frage ich mich: Wie kann er das so einfach? Gott fordert von ihm dasjenige wieder herzugeben, was er erst nach langem Erhoffen von ihm bekommen hat: Seinen geliebten Sohn, der der Anfang einer großen Nachkommenschaft werden sollte. Auch das hatte Gott Abraham versprochen. Wie schön muss es gewesen sein, als es endlich doch noch klappte und seine geliebte Frau Sarah und er ihren von Gott geschenkten Sohn in Händen hielten.
Aber nun bricht Abraham in das Land Morija auf, um seinen Sohn für Gott herzugeben. Gemeinsam gehen sie los. „Am dritten Tag erblickte Abraham den Ort aus der Ferne“, sagt die Erzählung. Das erinnert mich an die Tage, an denen ich auf dem Weg zu Prüfungen war und mir den Moment, an dem ich zum ersten Mal das Prüfungsgebäude sehen würde ganz weit weg wünschte. Den Moment, in dem es losgehen würde. Wie weit Weg muss sich Abraham diesen Moment gewünscht haben. Wir furchtbar muss es gewesen sein als sie Morija erreichten. Und trotzdem zögert er nicht. Er lässt die Knechte, die sie mit sich genommen hatten zurück und geht das letzte Stück ganz allein mit seinem Sohn. Es ist nur noch ein kleiner Weg und trotzdem kommt er einem furchtbar lang vor. Und dann fragt Isaak plötzlich seinen Vater: Warum haben wir kein Opfertier dabei? Abraham weicht der Frage aus. Wie sehr muss diese Frage ihn in Mark und Bein getroffen haben. Dann kommen sie an. Abraham bereitet alles vor, hält das Messer in der Hand, um seinen Sohn zu opfern. Doch dann greift ein Engel ein: „Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott vertraust.“
Durchatmen! Gott will kein Menschenopfer!
Das können wir dieser Geschichte sicher entnehmen.
Und das war für die alten Kulturen, aus deren Zeit diese Geschichte stammt noch nicht selbstverständlich.
Aber was hat diese alte Erzählung uns noch zu sagen?
Vielleicht, dass es nicht immer einfach ist Gott zu vertrauen. Und mehr noch: Diese Erzählung von Abrahams versuchter Opferung seines Sohnes, fordert sogar dazu auf, Gott auch dann zu vertrauen, wenn er uns das scheinbar wichtigste in unserem Leben nehmen will. Was für eine Zumutung. Vertrauen bis ins letzte. Wer kann das schon?
Schon einem anderen Menschen zu vertrauen ist schwierig!Hoffentlich entscheidet sie oder er in meinem Sinn! Hoffentlich meint sie es wirklich gut mit mir! Im Krankenhaus begeben sich Patientinnen und Patienten in die Hände von Ärztinnen und Ärzten, von Pflegern und Krankenschwestern, denen sie vertrauen müssen. Das fällt nicht leicht. Werden die Medikamente auch helfen? Tut es auch nicht zu sehr weh, wenn der Verband gewechselt wird? Wache ich nach der OP auf und alles ist wieder soweit in Ordnung? Wir sehnen uns alle, wie wir auf dieser Welt sind, danach selbst über unser Leben zu bestimmen. Aber es gibt Situationen, da sind wir auf andere Menschen angewiesen. Auch wenn das belastet. In der nun zu Ende gehenden Woche, wie auch in der kommenden, bin ich als Seelsorger in der Klinik unterwegs. Ich sehe wieviel Vertrauen die Patienten und Patientinnen in die Pflegekräfte und Ärzte setzen und ich sehe auch wie schwer das manchmal fällt, als selbstbestimmte Menschen, die wir doch alle sind.
Wie schwer fällt es dann erst Gott zu vertrauen?
Einerseits ganz leicht. Wenn es gut läuft; wenn die Sonne scheint, ich liebe Menschen um mich habe und wenn ich gesund bin. Aber wie schwer fällt es darauf zu vertrauen, dass ein Gott diese Welt sinnvoll gestaltet, wenn es nicht so gut läuft; wenn ich einen Unfall habe, plötzlich krank bin; wenn ich in Zukunft Hilfe brauche, die ich vorher nicht benötigt habe; wenn ich noch nicht weiß, wie es zu Hause weitergeht; wenn es meinem Partner, meinen Eltern plötzlich schlechter geht; wenn der Tod plötzlich nahe rückt?
Was steckt für ein Sinn hinter all diesem Leid, den Schmerzen und der Trauer? Was für ein Sinn steckt dahinter, dass das woran wir so sehr hängen – unsere Gesundheit, unser Leben oder das Leben unserer Angehörigen – uns plötzlich wieder genommen wird. Ich kann den Sinn nicht erkennen!
Was bleibt mir dann, wenn ich den Sinn nicht erkennen kann?
Ich glaube für alle von uns, die sich mit dieser Frage quälen, ist die Geschichte von Abraham erzählt worden, der in dieser ausweglosen Situation Gott einfach vertraut. Vielleicht ist
Gott zu vertrauen gerade dann gefragt, wenn ich den Sinn nicht erkenne. Dann wenn ich nicht begreife, warum das alles geschieht! Wenn die Situation zum verzweifeln ist; wenn wir nichts machen können; dann können wir doch eines tun: Vertrauen! Und das ist schon eine große und schwere Aufgabe, an der wir auch scheitern können. Vertrauen hilft gegen Verzweifeln. Das will die Erzählung von Abraham gerade denen sagen die traurig sind und sich vor der Zukunft fürchten. Wir müssen uns nicht fürchten. Darauf können wir vertrauen. Und weil es jeden Tag aufs neue schwer fallen kann darauf zu vertrauen, gibt es den Satz: „Fürchtet Euch nicht“. Den gibt es ganze 366 mal in der Bibel. Für jeden Tag einen, plus einen für den extra Tag im Schaltjahr! Wir müssen uns nicht fürchten. Gott ist für uns da, für jeden von uns, auch wenn seine Wege unergründlich sind. Daran dürfen wir glauben. Daran will ich glauben!

 

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