Zum 2. Sonntag nach Epiphanias.

Draußen war es stürmisch und ungemütlich. Schön fand Marina das ganz und gar nicht. Den ganzen Nachmittag saß sie schon am Schreibtisch. Seit den ersten Januartagen waren reihenweise Rechnungen angekommen. Zum Bearbeiten hatte sie keine Zeit gehabt und so wanderte eine Rechnung nach der anderen auf ihren Schreibtisch. Aber nun musste der Stapel ja einmal abgearbeitet werden. Denn die nächsten Wochen würde sie auch keine Zeit dafür haben. So vieles stand bei ihrer Arbeit an. Der neue Mitarbeiter musste bis Februar eingearbeitet sein; so, dass er selbständig arbeiten konnte. Und dann war da noch ihre größte Sorge, die große neue Werbekampagne, die sie zum ersten Mal alleine ausarbeiten und fertigstellen sollte. Puh… was für ein Druck. Und wofür das alles? Der ganze Druck, die ganze Arbeit? Am Ende würde sie vielleicht von ihrer Chefin ein „Dankeschön“ hören und dann käme der nächste Auftrag. Alles ginge weiter wie bisher. Ist das der Sinn meines Lebens, Rechnungen überweisen und sich Sorgen machen, dass man die Arbeit nicht hinbekommt? Ist so ein Leben wirklich sinnvoll? Der Blick auf ihren Schreibtisch, auf dem die Rechnungen ausgebreitet lagen, ließ das nicht gerade vermuten.

Wenn sie sich wenigstens nicht so allein durch ihre Aufgaben kämpfen müsste. Und wenn es wenigstens schön draußen wäre. Endlich wieder Frühling, Blätter an den Bäumen und Vogelgezwitscher. Aber das war in der zweiten Januarhälfte noch weit weg. Wegen ihr könnte der Winter direkt nach Weihnachten wieder aufhören. Aber es half ja nichts. Sie musste weiter arbeiten, während es draußen stürmte und grau war; sich irgendwie motivieren. Sie griff in die Schale, die vergraben unter einer der unzähligen Rechnungen am Rand ihres Schreibtisches stand. Zwei Plätzchen von Weihnachten glitten durch ihre Finger. Es waren die letzten Reste vom Fest; zwar etwas trocken, aber sie rochen immer noch herrlich nach den Festtagen. Marina griff nach einem Engel, der sie neben einem Stern und einem Weihnachtsmann aus Schokolade, freundlich angrinste. Langsam strich sie das bunte Aluminiumpapier nach unten und biß in die Schokolade.
„Wo ist eigentlich die Leichtigkeit hin, die ich noch zu Weihnachten gehabt habe“, dachte sie.
Alles schmeckte süß und wirkte so fröhlich und unbeschwert, wie der Engel, dessen Schokolade sie gerade auf ihrer Zunge langsam zergehen ließ. Nicht jedes Weihnachten war für sie so schön gewesen wie das letzte. Oft hatte sie arbeiten müssen und war über die Feiertage alleine gewesen. Doch dieses Mal hatte sie das erste Mal seit langem an den Feiertagen frei und sie konnte mal wieder mit ihrer Familie feiern. Wie gemalt war das Leben; sie fühlte sich wie damals, als sie noch ein Mädchen war! Wieder saß sie in der Kirche ihrer Kindheit, sah das Krippenspiel, bei dem sie sooft mitgespielt hatte. Sie wusste gar nicht mehr wie oft. Nur, dass sie meistens den Engel gespielt hatte und wie schön sie es fand wenn sie den Menschen dort sagen durfte: „Euch ist heute der Heiland geboren“. Da wurde ihr noch heute warm ums Herz. Damals schien Gott ganz mit ihr verbunden zu sein; so wie sie es als Erwachsene nicht mehr erlebt hatte. Aber als sie an diesem Weihnachten wieder das Krippenspiel in ihrer Heimatkirche sah, da fühlte sie sich plötzlich Gott wieder nah. Da waren die Stunden wieder bunt und nicht trist und grau wie dieser Januartag mit seiner ganzen Arbeit. Sie bemühte sich, so gut es ging, sich daran zu erinnern, wie sie sich wieder mit Gott verbunden fühlte, wie herrlich sich das Leben dadurch anfühlte. Aber jetzt gelang ihr das nicht, so lange sie auch die Schokolade auf der Zunge schmeckte. An Weihnachten hatte ihr das Grau draußen nichts ausgemacht, jetzt fand sie es schrecklich, eine Farbe, die ihre Stimmung ausdrückte und damit noch verstärkte. An diesem Weihnachten war Gott ihr wieder einmal nahe. Da hatte sich das Leben richtig angefühlt, alles, was sie bedrückte, verlor für diese Tage seine Macht. So war das Leben einfach herrlich!
Wie gerne hätte sie jetzt wieder so einen Moment mit Gott gehabt, ihm direkt ins Gesicht geblickt, sodass die große Aufgabe und der ganze Druck ihr nichts mehr anhaben könnten. Aber sie konnte es nicht.

Draußen war es stürmisch und ungemütlich. Schön fand Mose das ganz und gar nicht. Den ganzen Nachmittag saß er schon in seinem Zelt und grübelte über seine Aufgabe nach. Er sollte die Israeliten in das von Gott auserwählte Land führen. Puh… was für eine Aufgabe und was für ein Druck! Was ist, wenn ihm das nicht gelingt? Auf ihrem bisherigen Weg hatte sich das Volk schon oft bei Mose über die schwierigen Zustände beschwert. Sie fragten, warum es einen solch schwierigen Weg durch die Wüste durchmachen musste. Immer wieder trauten sie Gott und ihm nicht. In seiner Abwesenheit hatten sie sich sogar ein goldenes Kalb gemacht und zu ihrem Gott erklärt. Wie sollte das nur auf dem vor ihnen liegenden Weg durch die Wüste weitergehen! Mose fürchtete die Schwierigkeiten, die ihm bevorstanden. Was für ein Druck! Mose schloss die Augen und dachte darüber nach, wie Gott sie damals aus Ägypten befreit hatte. Wie sie gesungen und getanzt hatten. Damals, als sie endlich frei waren. Aller Druck, der auf den Israeliten lastete, war vergessen, auch der von Mose. Gott war ihnen so nahe, war einer von ihnen, er gab ihrem Leben wieder einen Sinn. Das Leben fühlte sich einfach herrlich an; alles was sie bedrückte verlor in diesen Stunden seine Macht! Von dieser Leichtigkeit war nun nicht mehr viel übrig geblieben. Auch bei Mose nicht.
Wie gerne hätte er jetzt die Herrlichkeit des Lebens von damals wieder gespürt; diesen Moment, den sie damals mit Gott hatten. Wie gerne hätte er jetzt wieder so einen Moment mit Gott gehabt, ihm direkt ins Gesicht geblickt, sodass die große Aufgabe und der ganze Druck ihm nichts mehr anhaben könnten. Aber er konnte es nicht.

Liebe Gemeinde,
Weihnachten ist vorbei. Plätzchen und Tannennadeln sind trocken geworden. Der Baum ist aus den meisten Wohnungen, wie aus unserer Kirche verschwunden. Und nicht nur er, auch die Krippe ist weggeräumt. Keine Hirten und Könige, keine Maria und Joseph und auch kein Jesus mehr.
Gott war uns so nahe gekommen. In dieser Freude haben wir Weihnachten gefeiert, an den Feiertagen vielleicht für ein paar Stunden ein bisschen von der Herrlichkeit des Lebens erlebt. Es war leichter als sonst, sich mit Gott verbunden zu fühlen.
Doch nun ist die Krippe weg. Die Feiertage vorbei, Gott nicht mehr als Kind in der Krippe zu sehen. Dabei bräuchten wir Ihn doch jetzt besonders, in diesen grauen Januartagen mit ihrer Arbeit, den letzten Schularbeiten vor den Zeugnissen. Beim Kampf durch den Alltag, wenn wir uns Sorgen um alle möglichen Dinge machen.
Wo ist Gott? Wie bekomme ich Ihn zu Gesicht?
Wenn ich Kummer habe, weil ich krank geworden bin, wenn ich gemobbt werde, wenn mein Partner mich schlägt, wenn der Druck der Arbeit mich überfordert, wenn so viele Menschen das Gefühl haben das ihre Lebensart bedroht wird, wenn ich um einen geliebten Menschen trauere; dann suche ich um so mehr nach Gott, will Ihm direkt ins Gesicht blicken, in ein tröstendes Gesicht, das mir sagt, ich bin für Dich da. Aber ich kann Ihn einfach nicht sehen. Frustriert darüber haben viele Menschen in ihrer Verzweiflung Gott den Rücken gekehrt. Warum zeigt sich Gott nicht, wenn ich Ihn brauche?
Das bewegt uns, das bewegt Marina und das bewegte schon Mose.
Wie schön wäre es, wenn wir die Nähe Gottes immer dann spüren könnten, wenn wir sie brauchen. Wenn wir Mitten im Sturm einen Moment mit Gott haben könnten, wenn wir ihn wollen.
Wenn wir die Herrlichkeit des Lebens haben könnten, wenn der Alltag grau und trist ist.
Aber so einfach ist es leider nicht. Weder kann Marina das Weihnachtsgefühl im Januar einfach wieder anknipsen, noch kann Mose einen Moment von Angesicht zu Angesicht mit Gott erzwingen. Genau darum nämlich bittet Mose Gott. Er will die Herrlichkeit Gottes sehen um den Sinn von all dem, was in seinem Leben geschieht, zu verstehen. Und so getröstet und gestärkt seine Aufgabe anzugehen.
Das ist verständlich. Das ist menschlich.
Doch Gott zeigt sich Mose nicht. Eigentlich ein Grund enttäuscht zu sein. Doch Mose ist es nicht, weil er von Gott den Grund erfährt: Im Ansicht der Herrlichkeit Gottes würde der Mensch sein Leben verlieren. Aber trotzdem möchte Gott ihm seinen Wunsch erfüllen und für ihn erkennbar sein; nur so, dass er sein Leben weiterleben kann. Mose darf Ihn sehen, nachdem er an ihm vorbeigegangen ist. Auch wenn wir Gott nicht direkt sehen können, dürfen wir sicher sein: Er sieht uns. Ist für uns da. Erkennen werden WIR das erst hinterher – wenn er schon für uns da gewesen ist. Der dänische Theologe und Philosoph Søren Kierkegaard hat das mit dem Satz zusammengefasst: „Auch wenn das Leben vorwärts gelebt werden muss, kann es nur rückwärts verstanden werden.“ Erst im Nachhinein merken wir oft, wo etwas Gutes geschehen ist. Besonders wenn es uns schlecht ging. Wo Gott für uns da war, als wir so sehr damit beschäftigt waren, Ihn zu suchen; oder als wir Ihn schon aufgegeben hatten. Gott begleitet uns, tröstet uns und redet uns gut zu. Er ist da, auch wenn wir es erst hinterher an seinen Taten erkennen. Davon erzählt auch das Evangelium von der Hochzeit in Kana, das wir vorhin hörten. Dort erkannten die Menschen erst, wer Jesus war, als er das Wasser in Wein verwandelte.
Gott sieht uns an, auch wenn wir Ihn nicht direkt sehen. In der Suppe am Krankenbett, der Nachhilfestunde durch die Nachbarin, im Mut der Politiker zu Friedensbeschlüssen, im Zuhören einer lieben Freundin, in der geweckten Hoffnung eines frustrierten Menschen, da wird Gott sichtbar, da scheint die Herrlichkeit des Lebens auf!

Bei Marina war es schon Abend geworden. Noch immer stürmte es draußen. Die Lampe auf ihrem Schreibtisch und ihr Computer erleuchteten das Dunkel ihres Arbeitszimmers. Gerne hätte sie endlich Feierabend gemacht. Aber sie musste heute noch die Auflistung der Kosten für die Werbekampagne fertig bekommen. Müde nahm sie den Ordner aus dem Regal und öffnete ihn. Aber an der Stelle, an der die Abrechnungen hätten sein sollen, war nur gähnende Leere. Schockiert über die fehlenden Abrechnungen suchte sie den ganzen Ordner durch. Erst als sie alle Papiere durchgeblättert hatte, sah sie den gelben Zettel mit der Handschrift ihres Kollegen. Darauf stand: „Ich habe die Auflistung der Kosten bereits erledigt. Du findest sie im Computer.“ Marina begann zu lächeln und vergaß ihre Müdigkeit. Sie freute sich über den unverhofften restlichen freien Abend und darüber, dass es jemand einfach gut mit ihr gemeint hatte. Konnte das Leben nicht einfach herrlich sein?

Amen.

 

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