Klausur! Was geht Ihnen dabei durch den Kopf? Man könnte jetzt an Schule denken. Abschlussarbeiten. Noten. Bewertungen. Rote Tinte neben den eigenen Worten. 45 oder gar 90 Minuten hohe Konzentration. Man kann an diese Termine denken, die einfach kommen im Leben einer Schülerin, eines Schülers. Termin, denen man sich nicht entziehen kann. An Zwänge, die es im Leben immer wieder gibt. Klausuren haben oft wenig mit den schönen Seiten des Lebens zu tun, außer man bekommt sie mit wenig roter Tinte und einer guten Note zurück. Aber das ist ja dann auch der Moment, in dem es mit der Klausur vorbei ist.
Klausur, kommt vom spätlateinischen ‚clausura‘, was soviel wie ‚Verschluss‘ oder ,Enge’ heißt. Klausur bezeichnet einen Zustand, den man in Abgeschiedenheit verbringen muss. In dem es ganz auf einen selbst ankommt; auf die eigene Leistung und nichts weiter. Eben wie bei einer Mathearbeit, in der es darum geht, mit den eigenen Fähigkeiten die gestellten Aufgaben zu lösen. In einer Klausur geht es nur um die ganz eigene Leistung. Und das ist nicht nur in der Schule so. Denn ursprünglich stand der Begriff vor allem für das Leben in der Abgeschiedenheit des Klosters. Ein Leben unter Verschluss, in dem es ebenfalls ganz um die Leistung jeder einzelnen Nonne und jedes einzelnen Mönchs ging. Das galt auch für Martin Luther.
Der Jurastudent Martin Luther trat 1505 unerwartet in das Augustinereremiten-Kloster in Erfurt ein. Der Grund dafür war ein Unwetter, in das Luther auf dem Weg nach Erfurt geraten war und das sein Leben bedrohte. Als die Blitze neben ihm einschlugen, gelobte er Mönch zu werden, damit er verschont würde. Denn es hätte für ihn nichts Schlimmeres gegeben, als unerwartet zu sterben. Der Grund dafür war die damals von der Kirche verbreite Lehre, dass ein sterbender Mensch vor dem Eintritt seines Todes möglichst wenig Fehler begangen haben sollte. Und dass alle begangenen Sünden durch eine Bußleistung, zum Beispiel eine Spende oder ein Gebet, wieder vergeben werden müssten. Es gab sogar einen ganzen Katalog, in dem mögliche Vergehen mit der dazugehörigen Bußleistung aufgelistet wurden! Wenn man aber – zum Beispiel durch ein Unwetter – unerwartet stirbt, dann gibt es ja keine Möglichkeit mehr, für seine Fehler Buße zu tun. Und das würde – nach der Lehre der damaligen Kirche – nach dem Tod viele Strafen bedeuten, die durchgestanden werden müssten, bevor man endlich ins Gottesreich gelangt. In der damaligen Zeit gab es für die Menschen darum nichts Schlimmeres als einen Tod, auf den man sich nicht vorbereiten konnte. Luther gelobt in dieser Situation, sein weiteres Leben als Mönch zu führen. Ein Leben, das die besten Aussichten bot, möglichst ohne Fehler zu sterben. Denn es war ganz dem Ziel gewidmet, ein scheinbar vorbildlich christliches Leben zu führen; kein Gebote zu brechen, niemanden gegenüber schuldig zu werden, keine Fehler zu begehen. Luther tritt also ins Kloster in Erfurt ein. Er begibt sich in Klausur, schließt sich vom öffentlichen Leben ab, das so viel Gefahren birgt, Sünden zu begehen, die ihm nach dem Tod gefährlich werden könnten. Aber das Leben in Klausur bringt Luther genau das Gegenteil von dem, was er sich davon erhofft hatte. Statt ihm die erhoffte Sicherheit zu geben, stellt er hier umso mehr fest, wie schnell es geschieht, dass man den christlichen Geboten nicht entspricht. Das Kloster verlangt für jede Übertretung unmittelbare Buße: Betteln gehen, Essensverzicht, Bußgebete. Aber sobald die eine Buße abgeleistet wurde, wurde die nächste meist schon fällig.
Luthers Verzweiflung wächst – und sein Ärger! Wie kann Gott vom Menschen so viel fordern? Warum droht er ihm mit Strafen? Warum wird er ein liebender Gott genannt, wenn seine Gebote zur Bedrohung werden? Sein Unmut lässt ihn fleißig die Bibel studieren. Dieses ständige Bemühen darum seine Fehler zu büßen, konnte doch nicht wirklich das sein, was Gott von den Menschen wollte! Luther erhält die Gelegenheit, als Professor für Theologie in Wittenberg zu arbeiten. Und er bekommt damit die Möglichkeit, seine Bibelstudien weiter voran zu treiben. In Paulus’ Römerbrief findet er schließlich den Gedanken, der die Lösung für alle seine Fragen bringt. Dort schreibt Paulus: „Denn wir sind der Überzeugung, dass der Mensch allein aufgrund des Glaubens als gerecht gilt – unabhängig davon, ob er das Gesetz (Gottes) befolgt.“ Und außerdem: „Aufgrund seines Glaubens wird der Gerechte das Leben (in Gottes Reich) erlangen.“
Es kommt also gar nicht darauf an, ein perfektes Leben vorzuweisen und alle Übertretungen von Geboten mit Bußleistungen wieder gut zu machen. Allein auf den Glauben kommt es an! Das genügt, weil Gott ein liebender Gott ist. Die Angst, mit der Luther über viele Jahre gelebt hatte, dass er nach seinem Tod mit Strafen rechnen müsste, wurde mit diesen Worten von Paulus von ihm genommen. Gott war ein liebender Gott, der den Menschen die Sorgen nehmen kann, weil er verlässlich ist, weil er es gut mit ihnen meint! Die einzige Aufgabe, die der Mensch dabei hat, ist daran zu glauben. Daran, dass es einen Gott gibt und daran, dass er das Leben als Geschenk für uns gemeint hat, auch wenn es manchmal nicht den Anschein hat.
Das kann die Perspektive auf das Leben verändern. Von einem Leben das unter Zwängen und Voraussetzungen steht, hin zu einem Leben, das vor allem eins ausmacht: Freiheit! So auch bei Luther. Er hatte unter den Zwängen der klösterlichen Klausur sein Leben bestritten. Immer ein möglichst optimales Christenleben im Blick. Aber in dieser Konzentration auf sich selbst, in dieser Klausur, verlor er den wohlwollenden Blick auf Gott, der ihm immer mehr zum Ärgernis wurde. Und er sah die Menschen um ihn herum nicht mehr, mit ihren Sorgen und Problemen, weil er so sehr mit seinem eigenen Seelenheil beschäftigt war. Im Römerbrief las Luther, dass Gott den Menschen vom Zwang befreit, besonders toll, besonders erfolgreich und besonders gerecht zu sein. Wir Menschen sollen unser Leben frei leben und gestalten, im Vertrauen darauf, dass Gott uns dieses Leben wohlwollend geschenkt hat und uns, wie liebende Eltern, nicht allein lässt.!
Luther entdeckt, als er den Römerbrief liest, dass Gott uns mit unserem Leben vor allem eins geschenkt hat: Freiheit. Unser Streben nach Freiheit ist bei uns allen schon von Kindheit angelegt. Immer mehr trennen wir uns von unseren Eltern. Beginnend mit der Auflösung der engsten Verbindung zwischen Mutter und Kind bei der Geburt, über die ersten getrennten Stunden in der Kita und dann später in der Schule, bis zur Teenagerzeit, in der die Jugendlichen immer mehr Unabhängigkeit einfordern. Wir alle werden durch Freiheitsstreben zu selbstständigen Erwachsenen. Und das Loslassen fällt Eltern zugegebenermaßen auch nicht immer leicht. Unser ehemaliger Bundespräsident Joachim Gauck fasst das in einem kleinen Büchlein über Freiheit folgendermaßen zusammen: „Wir spüren die tiefe Sehnsucht danach, ungebunden zu sein, nicht kommandiert zu werden, selbst unsere Maßstäbe zu bestimmen und zu setzten.“ Das ist menschlich und lässt überhaupt erst zu, dass wir unser Leben und diese Welt kreativ gestalten können. Wer unter starken Regularien lebt und immer von anderen abhängig ist, der kann von sich selbst nur wenig einbringen. Wer aber frei ist, der ist gefordert sein Leben zu gestalten! Aus Luthers Erkenntnis resultiert die evangelische Überzeugung, dass Gott jedem Menschen ein Leben geschenkt hat, das sie oder er frei gestalten darf. Und die einzige Forderung, die sich dabei stellt, ist dieses Leben in Dankbarkeit zu gestalten, im Glauben an Gott, der es uns geschenkt hat. 1520 formuliert Luther seine Gedanken zur Freiheit des christlichen Menschen in seiner berühmten Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Und in zwei Sätzen fasst er zusammen, wie Freiheit und Christsein aus seiner Sicht zusammenhängen. Nämlich:
„Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan.“ Und: „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“
Die erste Aussage – „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan“ – fasst zusammen, was Luther im Römerbrief gelesen hatte. Ein Christ ist frei. Wenn ich als Christ weiß, dass ich auf Gottes Liebe vertrauen kann, dann verschwinden alle Sorgen, Ängste und Zwänge des Lebens. Es wird frei davon. Ich brauche bloß Gott zu vertrauen.
Die zweite Aussage – „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan“ – drückt aus, dass man als Christ durch die eigene Freiheit frei wird, sich um andere zu kümmern. Und so hat sich Gott die Welt eigentlich gedacht. Solange ein Mensch damit beschäftigt ist, sein eigenes Seelenheil herstellen zu müssen, kann er sich gar nicht vorbehaltlos für andere interessieren und sich um sie kümmern. Wenn er das tut, dann immer aus Eigennutz, um sich selbst das Leben im Gottesreich zu verdienen. Wenn der Christ aber davon frei ist, weil Gott ihn auch so aus Liebe annimmt, kann er die Liebe, mit der er oder sie von Gott angenommen worden ist, an andere weitergeben! Er ist nicht mehr mit sich selbst beschäftigt, sondern führt ein Leben in Glauben an den Gott, der ihn liebt und es gut mit ihm meint. Wer also an diesen liebenden Gott glaubt, wird ganz automatisch zum dienstbaren Knecht für andere Menschen, so Luther. Er übernimmt Verantwortung für andere Menschen und diese Welt.
Gottgeschenkte Freiheit bedeutet also zum einen Befreiung und zum anderen Verantwortung. Mit der Freiheit, wie sie heute von unterschiedlichsten Seiten gefordert wird, hat das oft nur wenig zu tun. Ihr fehlt oft die zweite Seite – die Seite der Verantwortung für andere. Wenn wir Freiheit suchen, die nur die eigene Befreiung im Blick hat, dann sind wir schon wieder dabei, unser Heil selbst zu verwirklichen. Dann wollen wir uns selber frei machen von anderen. Dann stehen wir aber schon wieder selbst unter einem Zwang und sind gerade nicht frei. Die Freiheit, die sich von anderen frei macht, ist keine Freiheit. Wahre Freiheit ist ein Geschenk und wer sich frei fühlt, der wird ganz automatisch zum dienstbaren Knecht für andere, ohne sich dabei unfrei zu fühlen. Diese Entdeckung Martin Luthers ist bedeutend auch für unsere heutige Zeit. Auch wenn wir uns nicht mehr vor ewigen Höllenstrafen fürchten. Denn die Botschaft von der gottgeschenkten Freiheit ist zeitlos. Sie macht uns frei von dem Druck unserem Leben selbst Sinn verleihen zu müssen durch eigene Leistung und das Erreichen von Zielen. Es ist egal, ob morgen das Gespräch glückt, ob bei der Arbeit alles perfekt läuft, ob ich erfolgreich bin, eine höhere oder niedrigere Schulform besuche. Es ist egal, ob ich studiert oder eine Ausbildung gemacht habe. Es ist egal, wieviel Geld ich verdiene, wie groß meine Rente ist. Gott macht uns frei davon, ein perfektes Leben führen zu müssen (was auch immer ein perfektes Leben sein mag). Unser Leben ist einfach so sinnvoll, egal was wir tun! Weil Gott es uns geschenkt hat. Jetzt dürfen wir es in diesem Sinne frei gestalten.

 

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