„Du kennst, mein Lieber, deine Pflicht,
die heißt: Zur Nacht ist nirgends Licht!
Und hörst du die Sirene heulen,
dann heißt es in den Keller eilen.
Fügt sich der Ordnung Klein und Groß,
dann geht die Sache reibungslos.“

Vier Jahre liegt die machtvolle Rede Adolf Hitlers vor dem deutschen Reichstags zurück. Jene Rede, mit der er dem Parlament und dem deutschen Volk mitteilt, dass Deutschland in den Krieg gegen seinen Nachbarn zieht. Ein Krieg, um dem Deutschen Reich, wieder jene Gebiete einzugliedern, die ihm durch den Versailler-Vertrag am Ende des 1. Weltkriegs verloren gegangen waren. Doch dabei blieb es nicht. Gewaltsam dehnte Hitler sein Reich in Europa aus, noch weiter nach Osten, nach Westen, nach Norden und nach Süden. Im wahrsten Sinne des Wortes, wurde an verschiedensten Fronten gekämpft. Männer mussten in den Krieg ziehen. Frauen blieben oft allein mit ihren Kindern zu Hause zurück, immer mit der Angst, dass der geliebte Mann am Ende gar nicht mehr nach Hause zurückkehren könnte. Und dann kommt der Krieg auch allmählich ganz konkret im Herzen des Deutschen Reiches an. Fliegerbomben bedrohen das Leben –  auch der Zivilbevölkerung!

„Ich werde diesen Kampf, ganz gleich, gegen wen, so lange führen, bis die Sicherheit des Reiches und bis seine Rechte gewährleistet sind“, hatte Hitler in seiner Rede zum Kriegsbeginn gesagt. Doch nun brachte der Krieg dem Deutschen Reich Unsicherheit, anstelle von Sicherheit. Drohender Tot für Soldaten und drohender Tot und Heimatverlust für die Zurückgebliebenen.

„Du kennst, mein Lieber, deine Pflicht,
die heißt: Zur Nacht ist nirgends Licht!
Und hörst du die Sirene heulen,
dann heißt es in den Keller eilen.
Fügt sich der Ordnung Klein und Groß,
dann geht die Sache reibungslos.“

Statt Gedichte deutscher Klassiker lernen die Schülerinnen und Schüler in Deutschland seit dem Jahr 1943 diese eben gehörten Verse aus dem Buch: „Achtung Luftgefahr! Ein vergnügliches Merk- und Mahnbüchlein für Groß und Klein“. Statt Sicherheit bringt der Krieg Bomben, auch im Deutschen Reich. Denn nicht nur Hitler und das Regime der NSDAP hatten vor „Bombe mit Bombe zu vergelten“. 

Vier Jahre nach dem Angriff auf Polen, liegt fast ganz Europa im Krieg. Wie ein dichter Nebel legt sich die Bedrohung des eigenen Lebens durch Hass und Waffen auf den europäischen Kontinent, drohen das Leben der Menschen zu ersticken. Es ist ein Nebel der Angst, der schon über den Schützengräben von Verdun, Marne und Tannenberg im 1. Weltkrieg lag. Ein tödlicher Nebel, der Träume und Lebensziele erstickte, der Familien und Partner von einander trennte und die in dieser Welt steckende Schönheit unter sich vergrub. Anfang des 20. Jahrhunderts liegt ganz Europa unter einem dichten Nebel begraben. Noch Ende der 10er Jahre war die Hoffnung unter den Europäern groß, dass der Nebel sich wieder ganz lichten könnte. Nach vier langen Kriegsjahren war endlich Frieden eingekehrt. Doch schon bald zeigte sich, dass es nie wirklich zu Frieden auf dem Kontinent gekommen war. Der Nebel schwelte an vielen Ecken weiter und spätestens am 1. September 1939, also vor ziemlich genau 80 Jahren, verdichtet sich der bedrohliche Nebel dann wieder endgültig über Europa. 

„Seit 5:45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen“ verkündete Adolf Hitler stolz über die Volksempfänger in die deutschen Wohnzimmer. Der Auftakt zum 2. Weltkrieg beginnt mit einer Lüge, denn es sind Deutsche, die das Feuer zuerst auf ihre Nachbarn eröffnen. Am Ende fallen in ganz Europa Bomben – deutsche, französische, britische, sowjetische und amerikanische. Menschen sterben, auch die, die niemals Krieg wollten. Alles wird von einem dichten Bombennebel zugedeckt. Das Leben, die Gemeinschaft und der Humanismus in Europa wird in Tränen und Blut ertränkt!
So viele Generationen von Europäerinnen und Europäern wurden von den Qualen großer Kriege belastet. Sie kämpften sich mit ihrem Leben durch diese dichten Nebelbänke.

So kurz ist das Leben eines Menschen! „Wie eine Blume blüht er und verwelkt er, wie ein Schatten ist er plötzlich fort.“ (Hi 14,2) Warum, fragt sich Hiob, warum muss er dann so viel Schreckliches ertragen? Warum verschont Gott ihn nicht damit. Warum dürfen Menschen ihr Leben nicht frei und unbeschwert Leben, sondern nur hinter einer dichten Nebelwand? Oder gar hinter einer Wand aus Beton? 

Denn als der Krieg im Jahr 1945 endet und Deutschland endgültig vom Regime der Nationalsozialisten befreit wird, da lichtet sich der Nebel über Europa immer noch nicht. Statt eines neuen Humanismus, statt einer neuen gesamteuropäischen Gemeinschaft, teilt sich der Kontinent in zwei Teile, die sich mitten in Europa, genau hier in unserer Region bedrohlich gegenüberstehen. Alle Hoffnung dieser neue Nebel könnte sich schnell wieder lichten, wurden enttäuscht, Im August 1961 gießt die Deutsche Demokratische Republik die Teilung Deutschlands, Europas und der Welt in Beton. Eine Mauer mitten durch Berlin, eine Grenze mitten durch Deutschland. Stacheldraht zieht sich nun durch das Leben von Familien und Paaren, Deutschen und Europäern. Wieder legt sich der Nebel auf das Leben von so vielen Menschen. 

„Wo bleibt nur das Licht der Sonne, ich kann den Nebel nicht mehr seh’n“, hört man einen ganzen Kontinent in der Mitte des 20. Jahrhunderts stöhnen. 

„Verbirg mich doch dort unten bei den Toten,
versteck mich, bis dein Zorn vorüber ist!
Bestimme doch, wie lang ich warten muss,
bis du mir deine Güte wieder zeigst.“
(Hi 14,13)

Was ist das für ein Gott, der so etwas zulässt? Zutiefst scheint nach diesen schlimmen Ereignissen das Vertrauen vieler  Menschen in Gott erschüttert. 

So wie bei Hiob. Der sein Haus, seine Familie und alles verliert, was sein Leben hat lebenswert sein lassen. Und der am Ende all dieser Schicksalsschläge lieber tot sein würde, als noch mehr Not ertragen zu müssen. 

Wir wissen nicht warum Gott so viel Leiden in dieser Welt zulässt. Wir können nur erahnen, dass die Freiheit, die unser Leben auf dieser Welt auf der einen Seite so lebenswert macht, eben auch eine Schattenseite haben kann. Gott will freie Menschen, unserem Leben ist Freiheit geschenkt. Aber das bedeutet auch, dass Freiheit missbraucht werden kann. Das Böse taucht in dieser Welt als Schatten der Freiheit auf.

Ja, Gott lässt das Böse in dieser Welt zu.
Aber das Böse kommt nicht von Gott selbst!
Denn das Göttliche taucht als Liebe in dieser Welt auf.

Diese Erkenntnis hat Christinnen und Christen seit Jahrhunderten stark gemacht, die Not und das Leiden in dieser Welt und im eigenen Leben ertragen zu können.

Es ist ihr Festhalten an der Überzeugung, dass Gott es gut mit ihnen und dem Leben aller Menschen meint – auch wenn die zu ertragende Dunkelheit diese Hoffnung manches mal gänzlich zu ersticken droht – und man sich wünscht lieber tot zu sein, bis die Liebe Gottes irgendwo, irgendwann wieder erkennbar wird; so wie bei Hiob. Christen und Christinnen sind Hoffnungsträger, und wo ein Mensch sein Leiden nicht mehr erträgt und von der Dunkelheit verschluckt zu werden droht, da machen sie es sich zur Aufgabe Licht in dessen Dunkelheit zu bringen. 

Es ist der Glaube an die Liebe Gottes, der Stark macht gegen alle blutgefüllten Schützengräben, gegen abgrenzenden Beton, gegen Hass und Feindlichkeit. Es ist der Glaube an die Liebe Gottes, der Menschen antreibt an die positive Kraft der Freiheit zu glauben. Auch hinter den dichtesten Nebelbänken.

Und so beginnen in den späten 80er Jahren Menschen in den Kirchen der Deutschen Demokratischen Republik Kerzen anzuzünden und die Botschaft von der Freiheit auf die Straßen zu tragen. Immer mehr Hoffnungsträger kommen dazu und füllen die Straßen mit dieser Botschaft, die so viel größer ist, als die der Repressalien, der Anfeindungen und des Krieges: Gott hat unserem Leben Freiheit geschenkt, um unser Leben und diese Welt in Liebe zu gestalten, gegen allen Hass, gegen alle Waffen und gegen alle Grenzen. 

Und dann… 
…fällt vor 30 Jahren tatsächlich die Mauer, die die Menschen in Deutschland, Europa und der Welt getrennt hat!
Ermöglicht durch den Glauben und die Hoffnung von Menschen auf den Frieden und die Freiheit. 

Es ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Sternstunde, denn in jener Nacht klart der Himmel über Europa auf. Der Nebel begann sich aufzulösen. 

Und wahrscheinlich war bei vielen von Ihnen ähnlich wie bei mir die Hoffnung groß, dass sich der bedrohliche, Völker-trennende, Menschenausgrenzende und von einander teilende Nebel sich nun gänzlich aus Europa verziehen würde. Doch in der vergangenen Zeit sind die durch Europa wabernden Nebelbänke wieder deutlich zu erkennen. Zunehmend scheint die Sicht auf die Anderen wieder eingeschränkt zu werden. Zum ersten Mal seit 1989 wird wieder regelmäßig über die Errichtung neuer Grenzzäune diskutiert und in manchen Fällen sogar praktiziert.

Die Erkenntnis, dass das gemeinsame Lösen der großen Herausforderungen des Kontinents, mühevoll ist, lässt uns nur allzu leicht vergessen, wieviel Leid durch den dichten Nebel des 20. Jahrhunderts über die Menschen damals gekommen war. Denn solch ein Nebel schränkt das Leben ein – bis hin zu Betonmauern, die ein ganzes Volk einzusperren versuchen. Leben ist nur dort möglich, wo alle im Blick sind und nicht verborgen hinter Nebelwänden, Stacheldraht und Beton. Leben ist nur dort möglich, wo alle die von Gott geschenkte Freiheit  ausleben können und wo das geschieht, da ist auch Frieden. 

So wie damals 1989, wo Menschen eben diese Gott geschenkte Freiheit für alle eingefordert haben und kein Beton und kein Nebel dagegen eine Chance hatte.

Ich wünsche Europa, noch viele solcher Mauerfallmomente, in denen Freiheit und Frieden gegen Krieg und Abgrenzung siegen!
Momente, in denen sich der Nebel lichtet und der Blick frei wird auf einen sternenklaren Himmel. Einen Himmel unter dem jeder und jede gesehen werden kann, alle, die auf diesem Kontinent leben. Ein Sternenhimmel wie ihn sich die Europäischen Union mit ihrer Flagge selbst zum Symbol gemacht hat. Ein Symbol der Gemeinschaft, von Frieden und Freiheit. Ein Symbol für ein freies und friedliches Leben. Ein Leben, wie Gott es für uns alle bestimmt hat.

 

1 Kommentar

  1. Peter Wiechel

    Lieber Johannes,
    ältere Menschen brauchen etwas länger, um die Chance moderner Medien
    zu erkennen und dann auch zu nutzen. Denn dieses ist der erste Blog, den ich je gelesen habe, und in dem ich das Wichtigste von dem gefungen, worum ich Frau Wende vor eineer Woche gebeten hatte. Ich freue mich, dass ich diese beeindruckende Predigt nun meinen älteren Schwestern und einigen Freunde vorlesen bzw. ihnen schriftlich geben kann. Danke dafür!

    Herzliche Grüße, auch von Irmela,
    und eine segensreiche Woche
    wünscht
    Peter

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