„Wer will fleißige Handwerker sehen, der muss zu uns Kindern geh`n. Stein auf Stein, Stein auf Stein. Das Häuschen wird bald fertig sein!“

 

Bestimmt kennen Sie dieses alte Kinderlied, das schon voraussichtlich aus dem späten 19. Jahrhundert stammt und das die meisten von uns allen als Kinder einmal gesungen haben dürften. Ich mag es gern, fast genauso gern wie meine Tochter es mag. Denn dieses Lied lässt das Spielen von Kindern so schön lebendig werden. In diesem Lied werden Kinder zu Glasern, Tischlern, Schustern, Schneidern, Bäckern und eben auch zu ganzen Bauherren. Wie die Großen sind die Kinder am Werk, sind fleißige Handwerker, bauen, werkeln und bringen etwas hervor. Sie tun das, was eben zum Leben dazugehört: Sie gestalten es! Denn schon und gerade für die Kleinsten ist das Leben wie ein großes Abenteuer. Ganz besonders in den ersten Tagen, Wochen und Jahren ist das Leben wie ein großer freier Raum, den es zu erobern und zu füllen gilt. Alle Eltern und Angehörigen von kleinen Kindern können das immer wieder im Kleinen beobachten, dann wenn Kinder am Morgen das Wohnzimmer betreten, von den Eltern am Vorabend liebevoll aufgeräumt, und den Wohnzimmerteppich binnen von Minuten mit Bauklötzen, Instrumenten, Bällen, Autos und Bilderbüchern übersäen. Da wird der mühsam von den Eltern hergestellte Freiraum kräftig genutzt. Da wird gespielt und gelebt. Und ehrlich gesagt endet dieses Phänomen auch nicht ganz mit unserer Kindheit. Wer von ihnen regelmäßig seinen Schreibtisch mit gutem Vorsatz aufräumt, kennt dieses Phänomen bestimmt. Binnen kürzester Zeit wird der gewonnene Freiraum mit neuen Zetteln, Zeitschriften und anderem Kram gefüllt. Auch da wird gestaltet und gelebt. Und auch gewonnene Freiräume im Kalender neigen meiner Erfahrung nach sehr schnell dazu, sich mit Leben zu füllen. Das Leben ist wie ein großer Freiraum, jedem von uns geschenkt, um ihn mit den eigenen Bauklötzen, Zetteln und Terminen zu füllen. Das Leben ist wie ein großer Freiraum und es wird lebendig, indem dieser Freiraum gestaltet wird. Das bedeutet natürlich jetzt nicht, dass das Leben nur mit einem vollen Terminkalender und überquellenden Schreibtisch lebendig gelebt werden kann. Denn ein Freiraum wird ja auch im bewussten Genießen von Frei-Zeit gestaltet. Und Frei-Zeiten, Ruhe-Zeiten brauchen wir, um auf der anderen Seite auch ganz materiell zu gestalten. Darum ruht auch schon Gott in der Schöpfungserzählung, ganz zu Beginn der Bibel am siebten Tag. Ein Bild für gestaltete Frei-Zeit. Diese Schöpfungserzählung soll u.a. aufzeigen, dass die Welt als ein großer Freiraum gestaltet ist. Ein Menschenleben auf dieser Welt ist ein großer Freiraum, bereit individuell gestaltet zu werden, schon von Kind an.

„Wer will fleißige Handwerker sehen, der muss zu uns Kindern geh`n. Stein auf Stein, Stein auf Stein. Das Häuschen wird bald fertig sein!“

Stein auf Stein… setzen wir unser Leben zusammen. Lernen Krabbeln, Stehen und Laufen. Lernen Sprechen, Lesen und Rechnen. Lernen mit anderen umzugehen, mit denen, die lieb zu uns sind, und mit denen, die nicht so nett mit uns umgehen. Wir lernen entscheiden und durchsetzen, nachzugeben und zu streicheln, verantwortungsvoll zu sein und auch mal Fünfe gerade sein zu lassen. Stein auf Stein errichten wir unser Lebenshaus auf dem geschenkten Freiraum unseres Lebens. Und das natürlich verbunden mit dem Wunsch, dass dieses Lebenshaus ein stabiles Haus werden möge, in dem es sich gut leben lässt. Wo man nicht auf eine graue Wand starrt und wo man nicht in jeder stürmischen Zeit fürchtet, dass dieses Lebenshaus kurz vor dem Einsturz steht. Solide soll das Haus sein, ein schöner Lebens-Raum, ein Ort, an dem es sich leben lässt!

Wie sieht ein gelungenes Leben aus, das ist eine Frage die die Menschheit bewegt! Wie sieht ein gelungenes Leben aus? Wie schaut so ein Lebens-Haus aus, in dem es sich gut leben lässt? 

Ich versuche mal so ein Haus zu entwerfen. Natürlich verfügt ein Haus, in dem es sich gut leben lässt, über eine offene Tür, keine verschlossene. Eine schöne Tür, die einen willkommen heißt und durch die es sich entspannt eintreten lässt. Freundlich ist dieses Haus, wenn man erst einmal drinnen ist. Viele Fenster lassen das Licht des Tages herein und ermöglichen zugleich den Blick in die Natur, in die dieses Lebens-Haus hineingebaut ist und in den Himmel, der mit seiner Weite verheißungsvoll über diesem Haus liegt. Lampen sorgen dafür, dass auch in das Dunkel der Nacht Licht dringen kann, und auch Leben noch dann möglich ist, wenn es finster um einen wird. Eine einladende Küche versichert eine gute Versorgung in diesem Haus. Wer hier wohnt, muss keinen Hunger leiden und wird mit dem versorgt, was es zum Leben braucht. Dafür steht auch das Wasser im Haus, das einen jederzeit erfrischt und gleichzeitig dabei hilft, all’ das abzuwaschen, was unangenehm an einem haften mag. Ein großer Tisch lädt ein, sich daran niederzulassen, sich mit anderen auszutauschen. Wer hier wohnt, der muss nicht allein bleiben. Darauf verweist auch ein WLAN und Telefonanschluss, der mir einerseits hilft aus diesem Haus heraus andere zu erreichen und mir andererseits ermöglicht, dass andere mich erreichen können. In diesem Lebenshaus gibt es genug Zimmer für alle seine Bewohner. Platz zum Ruhen und Platz zum Tun. Hier lässt es sich im wahrsten Sinne des Wortes leben. Ein solches oder ähnliches Haus zu bauen, ein Haus zu bauen in dem es sich gut leben lässt, ein Leben zu gestalten, das einen glücklich macht, danach streben wir Menschen.

Jeder von uns baut an seinem eigenen Leben. Stein auf Stein. Mit den Materialien, die einem zur Verfügung stehen, mit festerem oder lockererem Plan. Aber wohl doch mit dem Ziel, dass es ein gutes Leben(s-Haus) wird. Stein für Stein setzen wir unser Leben zusammen und hoffen, dass es solide wird, dass es solide auf dem geschenkten Freiraum Leben steht. Und wer schon einmal wirklich gebaut hat, der weiß, dass beim Bauen ganz schön viel schief gehen kann. Nicht nur ein Kinderturm aus Bauklötzchen kann einstürzen, sondern auch ein echtes Haus kann Risse bekommen. 

Denn selbst, wenn wir gute Bauleute sind, jeden Stein korrekt aufeinander setzen, kann es zu Problemen kommen: Dann wenn der Boden ins Rutschen kommt. Und wer kennt nicht diese Momente im Leben, in denen man das Gefühl hat, der Boden würde einem unter den Füßen weggezogen? Unser Leben ist vor Schicksalsschlägen nicht sicher, unser Lebenshaus muss mit Sturm rechnen. Es braucht also einen festen und verlässlichen Grund und Plan, auf dem unser Leben errichtet wird. Darum weist der Autor des 1. Petrusbriefes seine Gemeindemitglieder auf einen Grundstein hin, auf dem diese ihr Lebenshaus verlässlich errichten können – und das ist Gott. In der Weise, wie ihnen Jesus Gott nahegebracht hatte. Als einen liebenden Gott, der zu ihnen steht, komme was wolle. Auf den man sich verlassen kann und an dem man sich versichern kann, ob man bei seinem eigenen Lebensbauplan noch auf einem soliden Weg ist. Das ist, wie ich finde, wahrhaftig entlastend. Denn durch Gott tragen wir nicht allein die Verantwortung und nicht allein die Last für unser glückliches Leben. Gott trägt unser Lebenshaus, er trägt uns, die fleißigen Bauleute unseres eigenen Lebens. Das wird uns in der Taufe versprochen. Die Taufe ist sozusagen wie die Grundsteinlegung für ein solides Lebenshaus. Ein Lebensgebäude, das, so es diesen Grundstein nicht verwirft, auf einer soliden Basis steht. Die Taufe entlastet uns als Bauleute unseres Lebens und lässt uns froh bauen, ganz wie die Kinder, die morgens in das aufgeräumte Wohnzimmer stürmen, um diesen geschenkten Freiraum, voller Leidenschaft zu gestalten.

 

 

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