Wie ein warmer Lichtstrahl aus der geöffneten Tür des Jenseits… wie ein warmes Licht fallen die Worte aus dem 65. Kapitel des Jesajabuches in unsere Welt. Es sind sehr alte Worte. Ungefähr 2500 Jahre alt. Aufgeschrieben in einer Zeit, in der für das alte Volk der Israeliten das Leben vorbei zu sein schien. Denn das Land, in dem sie früher gelebt hatten, gab es nicht mehr. Endlich hatten sie dorthin zurückkehren dürfen, nach Jahrzehnten im Exil. Mit bunten Bildern hatten die Älteren davon erzählt, wie schön es dort war. Und die politischen und religiösen Eliten hatten ihnen von den blühenden Landschaften erzählt, zu denen dieses Land nun werden würde.
Daraufhin hatten sie zusammengepackt, das Leben, ihr nicht eben schlechtes Leben im Exil zurückgelassen und waren zurückgekehrt in das Land, aus dem sie ursprünglich stammten und die Stadt, in der sie einmal so froh gelebt hatten. Dorthin, wo sie einmal zu Hause gewesen waren. Nach Jerusalem. Wo sie ihr Leben völlig frei bestimmen konnten. Wo sie gelebt und gearbeitet hatten. Wo sie Hochzeiten und andere Feste gefeiert hatten. Hier wo sie geboren wurden und glücklich aufwuchsen, wo ihre Eltern sich etwas aufgebaut hatten. Aber, als die dort ankamen, stellten sie fest… all das gab es nicht mehr! Durch den Krieg in ihrem Land lagen nun buchstäblich die Trümmer dieses alten Lebens vor ihnen und auch in ihr altes Leben im Exil konnten sie nicht zurückkehren. Eine nach der anderen, jeder von ihnen realisierte, dass ihr Leben nie wieder so sein würde wie bisher. Da legte sich eine große Traurigkeit auf die Menschen…
Doch gerade jetzt, als alle von großer Traurigkeit erfüllt wurden, jetzt, als wirklich jeder von ihnen seine Hoffnung verloren zu haben schien. Da steht ein Mensch auf und erzählt ihnen, dass das hier eben nicht das jähe Ende ihres Lebens ist. Es ist ein Prophet, ein Mensch, dessen Auftrag es ist, den Menschen dabei zu helfen, ihr Leben einzuordnen in den großen Sinnzusammenhang dieser Welt. Dessen Aufgabe es ist, den Menschen in den unterschiedlichsten Situation Gott nahezubringen.
„Das ist nicht das Ende“, scheint er den Menschen regelrecht zuzurufen! Denn es gibt eine Wahrheit über unser aller Leben, die mindestens genauso wahr ist wie die Aussichtslosigkeit, die gerade jetzt euer Leben bestimmt. Es gibt eine Wahrheit, die schwerer wiegt als alle Trümmerbrocken vor euren Füßen. Und diese Wahrheit ist:
Gott wird alles gut machen! Das hat er versprochen. Gerade aus unserer heutigen Perspektive mag es für viele so wahnsinnig naiv klingen, was der Prophet da tut. Aber das hält ihn nicht davon ab. Munter erzählt er den traurigen Menschen um sich herum, was Gott den Menschen für ein Versprechen macht:

„Alles mache ich jetzt neu:
Einen neuen Himmel schaffe ich
und eine neue Erde.
Dann sehnt sich niemand nach dem zurück,
was früher einmal gewesen ist;
kein Mensch wird mehr daran denken.

Freut euch und jubelt ohne Ende
über das, was ich nun schaffe!
Ich mache Jerusalem zur Stadt der Freude
und seine Bewohner erfülle ich mit Glück.
Ich selbst will an Jerusalem wieder Freude haben
und über mein Volk glücklich sein.
Niemand wird mehr weinen und klagen.“

Diese Worte des Propheten sind wie ein Lichtstrahl in der Nacht. Wie ein warmes Licht, das mir aus dem Türspalt des Wohnzimmers meiner Eltern entgegen leuchtet, damit ich mich in meinem dunklen Kinderzimmer nicht so verloren fühle. Ein Licht, das mir Sicherheit schenkt – in einem Moment, in einer Zeit, in der ich mich unsicher fühle. Ein Licht, das mir Hoffnung macht, wo ich Hoffnung verloren habe. Ein Licht, das mir in der Ruhe und Nachdenklichkeit der Nacht etwas vom Leben des Tages erzählt. Ein Licht, das mich ruhig schlafen lässt, weil es die Tageshelligkeit des nächsten Morgens in der Dunkelheit um mich herum aufscheinen lässt.
So entzündet der Prophet das Licht der Ewigkeit auf den irdischen Leuchtern der traurigen Menschen, auf denen kein anderes Licht mehr leuchten will.
Das Leben geht weiter, auch wenn es am Ende zu sein scheint, hört man den Propheten den Menschen zurufen.
Die Trümmer Eures Lebens.
Die Tränen, die ihr jetzt weint,
Der Verlust, den ihr jetzt spürt,
all’ das ist real.
Doch mindestens genauso real
ist Gottes Botschaft an diese Welt,
ist Gottes Botschaft an die Traurigen,
dass das nicht das Ende ist,
dass das nicht das letzte Wort ist.
Sondern, dass es weitergeht nach diesem Leben,
mit einem Leben,
in dem Schmerzen und Traurigkeit
keine Rolle mehr spielen.

Diese hoffnungsvolle Botschaft dieses so alten Propheten haben sich Christinnen und Christen immer wieder vorgesprochen, wenn ihnen ihr Leben aussichtslos erschien.
Denn in der Auferstehung von Jesus, von der seine Jünger berichteten, sahen sie einen Beweis dafür, dass es tatsächlich nach dem Tod auf neue Weise mit dem Leben weitergeht. Und so bekommen eben jene Hoffnungsworte des alten Propheten eine besondere Bedeutung, als die ersten Christinnen und Christen bis aufs Blut von der römischen Staatsmacht verfolgt werden. So schreibt einer dieser frühen Christen in der Offenbarung des Johannes:

„Dann sah ich einen neuen Himmel
und eine neue Erde.
Denn der erste Himmel und die erste Erde
sind verschwunden.
Und Gott wird jede Träne abwischen von
ihren Augen.
Es wird keinen Tod und keine Trauer mehr geben,
kein Klagegeschrei und keinen Schmerz.
Denn was früher war,
ist vergangen!“

Für uns Christen und Christinnen des 21. Jahrhunderts ist diese alte Hoffnungs-Botschaft noch genauso gültig wie für die Israeliten und die ersten Christen. Denn nach wie vor erleben Menschen Schmerzen und Leid. Nach wie vor brechen Lebensentwürfe und Lebensträume zusammen, wenn Partnerschaften zerbrechen, wenn es mit dem Familienglück nicht klappt und stattdessen das Kind allein groß gezogen werden muss. Wenn sich Familien zerstreiten und Freundschaften brechen. Wenn jemand eine schlechte Diagnose bei seinem Arzt erhält, die für ihn einen langen Kampf bedeuten wird, wenn ein Mensch Opfer eines Gewaltverbrechens wird oder Opfer eines bösen Unfalls. Nach wie vor sterben Menschen und ihre Angehörigen bleiben zurück, ohne diesen geliebten Menschen. Jeder Mensch hat an der einen oder anderen Stelle seines Lebens guten Grund zu weinen und zu klagen. Uns allen fällt es an der ein oder anderen Stelle schwer aufzuschauen und in die Zukunft zu blicken, dann wenn wir auf den Trümmern unseres Lebens sitzen, egal wie groß diese Trümmer auch sein mögen. Dann brauchen wir diese uralte Hoffnung, die größer ist als alles Leiden dieser Welt, die größer ist als alle Zusammenhänge, die wir so sehr anzweifeln mögen. Dann brauchen wir diese Hoffnung, die schon so viele Generationen von Christinnen und Christen durchs Leben getragen hat und die uns alle miteinander verbindet. Uns allen gelten die Worte des alten Propheten von dem neuen Himmel und der neuen Erde, ganz besonders dann, wenn wir traurig sind! Dann sind sie wie ein Licht, das uns aus der Ewigkeit zu leuchtet, das unser Leben hier erhellt und uns nach vorne schauen lässt. Es ist das Licht aus dem Wohnzimmer Gottes, das wie durch einen Türspalt in unser Zimmer dringt und von dem neuen Himmel und der neuen Erde erzählt.
Seit einigen Jahren nimmt auch auf evangelischen Friedhöfen der Brauch zu, am Ewigkeitssonntag kleine Lichter zu den Gräbern der verstorbenen Angehörigen zu tragen. Ich finde es ein schönes Bild, wenn auf den Gräbern, an diesen Ruheorten des irdischen Lebens diese kleinen Lichter von der Ewigkeit erzählen und damit von der Fortsetzung des Lebens jener Person, die dort ihre irdische Ruhestätte hat.
Von überall her leuchtet einem dann auf dem Friedhof die Ewigkeit entgegen. Von überall her höre ich dann die Worte
des alten Propheten in meinem irdisches Leben klingen:
„Alles mache ich jetzt neu:
Einen neuen Himmel schaffe ich
und eine neue Erde.
Freut Euch und jubelt ohne Ende
Niemand wird mehr weinen und klagen!
Freut Euch und jubelt ohne Ende
Niemand wird mehr weinen und klagen!
Freut Euch und jubelt ohne Ende
Niemand wird mehr weinen und klagen!

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