„Es war einmal ein reicher Mann, der lebte lange Zeit vergnügt mit seiner Frau, und sie hatten ein einziges Töchterlein zusammen. Da ward die Frau krank, und als sie todtkrank ward, rief sie ihre Tochter und sagte: ‚Liebes Kind, ich muß dich verlassen, aber wenn ich oben im Himmel bin, will ich auf dich herab sehen, pflanz’ ein Bäumlein auf mein Grab, und wenn du etwas wünschest, schüttele daran, so sollst du es haben, und wenn du sonst in Noth bist, so will ich dir Hülfe schicken, nur bleib fromm und gut.‘ Nachdem sie das gesagt, that sie die Augen zu und starb; das Kind aber weinte und pflanzte ein Bäumlein auf das Grab und brauchte kein Wasser hin zu tragen, und es zu begießen, denn es war genug mit seinen Thränen.

Der Schnee deckte ein weiß’ Tüchlein auf der Mutter Grab, und als die Sonne es wieder weggezogen hatte, und das Bäumlein zum zweitenmal grün geworden war, da nahm sich der Mann eine andere Frau. Die Stiefmutter aber hatte schon zwei Töchter, von ihrem ersten Mann, die waren von Angesicht schön, von Herzen aber stolz und hoffährtig und bös. Wie nun die Hochzeit gewesen, und alle drei in das Haus gefahren kamen, da ging schlimme Zeit für das arme Kind an. ‚Was macht der garstige Unnütz in den Stuben‘, sagte die Stiefmutter, ‚fort mit ihr in die Küche, wenn sie Brod essen will, muß sie’s erst verdient haben, sie kann unsere Magd sein.‘ Da nahmen ihm die Stiefschwestern die Kleider weg, und zogen ihm einen alten grauen Rock an: ‚Der ist gut für dich!‘ sagten sie, lachten es aus und führten es in die Küche. Da mußte das arme Kind so schwere Arbeit thun: früh vor Tag aufstehen, Wasser tragen, Feuer anmachen, kochen und waschen und die Stiefschwestern thaten ihm noch alles gebrannte Herzeleid an, spotteten es, schütteten ihm Erbsen und Linsen in die Asche, da mußte es den ganzen Tag sitzen und sie wieder auslesen. Wenn es müd’ war Abends kam es in kein Bett, sondern mußte sich neben dem Herd in die Asche legen. Und weil es da immer in Asche und Staub herumwühlte und schmutzig aussah, gaben sie ihm den Namen Aschenputtel.“*

Was für eine schreiende Ungerechtigkeit! Da verliert ein Mädchen in jungen Jahren seine Mutter und dann lassen seine Stiefmutter und seine Stiefschwestern es auch noch hart arbeiten, während sie selbst keine Hand für ihren Lebensunterhalt rühren. Und dann tun Stiefmutter und Stiefschwestern sogar noch alles dafür, dass dieses Mädchen nicht an dem vom Königshof veranstalteten Ball teilnehmen kann, auf dem der Prinz seine zukünftige Braut auswählen soll. Was für eine schreiende Ungerechtigkeit! Das denke ich jedes Mal, wenn ich dieses so gut bekannte Märchen lese, das die Brüder Grimm im 19. Jahrhundert aufgeschrieben haben. Ein Mädchen erleidet einen Schicksalsschlag: Den Tod ihrer Mutter. Aber anstelle, dass sich jemand ihr annimmt, nutzen andere diese Situation noch für sich aus. Auf Kosten des Mädchens. Das ist wirklich ungerecht! 

Gut, dass wir wissen, wie dieses Märchen ausgeht. Dass das Mädchen auf zauberhafte Weise doch an dem Ball teilnehmen kann. Dass der Prinz genau sie unter den Frauen auf dem Ball erwählt und dass er sie, trotz der schnellen Flucht des Mädchens aus dem Schloss, am Ende durch ihren Schuh wiederentdeckt, den sie auf den Treppenstufen des Schlosses verloren hatte. Das ist der Stoff, aus dem Träume gemacht sind. Das ist der Stoff, aus dem Märchen geschrieben sind. Egal, wie schlecht die Situation eines Menschen auch ist, egal, wie schreiend ungerecht ein Schicksal auch ist – am Ende wird alles gut werden. Die Ungerechtigkeit verstummt. Die Gerechtigkeit beginnt zu reden. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. 

Es ist die Sehnsucht der Menschen, die diese Märchen schreibt, zumindest den Teil, der auf das schlechte Schicksal reagiert. Es ist die Sehnsucht nach Gerechtigkeit in Anbetracht von schreiender Ungerechtigkeit in dieser Welt. Die Sehnsucht nach einer Welt, die gerecht ist. In der ein Mädchen, das seine Mutter verloren hat, nicht zu einem Aschenputtel degradiert wird, sondern in der sich ihr jemand annimmt und ihr ein neues Leben, in diesem Fall sogar direkt am Königshof schenkt.
Doch die Tatsache, dass es diese Sehnsucht im Menschen gibt, zeigt: Die Realität ist eben nicht märchenhaft. In unserer Welt geht es nicht gerecht zu, so sehr wir es uns wünschen. Und das stellt auch der Autor des Predigerbuches aus dem Alten Testament fest. Die Welt ist nicht gerecht: Denn es ist ja nicht so, als ob gerade diejenigen alt und glücklich werden, die sich in ihrem Leben für andere einsetzen, die ein möglichst sozial- und umweltverträgliches Leben führen. Nicht selten ist das Gegenteil genau der Fall: Gerade die, die in ihrem Leben ganz auf sich bedacht sind, genießen ihr Leben bis ins hohe Alter. Das ist doch unfair, mag man da rufen! Welch’ schreiende Ungerechtigkeit! Und ich bin mir sicher, ein jeder von uns kennt aus seiner eigenen Erfahrung genug Beispiele dafür, dass diese Welt oft eben nicht gerecht ist:
 

Ich kann mich z.B. noch gut daran erinnern, wie sehr es mich als Schüler aufgeregt hat, wenn ich für eine Klassenarbeit intensiv gelernt hatte und dann doch nicht eine so tolle Note herausgekommen ist, wie ich mir sie erhofft hatte. Ich hatte ja so viel dafür getan. Und wenn dann jemand anderes eine bessere Note als ich hatte, obwohl er oder sie nach eigener Angabe nicht so viel dafür getan hatte, dann hat mich dies gleich noch mehr aufgeregt. Das ist doch ungerecht! Welche Erfahrungen gehen Ihnen, gehen Euch wohl gerade durch den Kopf? Ich bin mir sicher, wir könnten zahlreiche Erfahrungen von erlebter Ungerechtigkeit hier zusammenbringen. Warum können andere leichter als ich Vokabeln lernen? Warum können manche Menschen so viel essen wie sie wollen, und bleiben trotzdem schlank? Warum finden manche den passenden Partner für ihr Leben und andere nicht? Warum können manche Menschen keine Kinder bekommen, obwohl sie sich sich so sehr welche wünschen? Warum erkennt niemand meine Leistung an, obwohl ich mich doch so sehr bemühe? Warum müssen manche Menschen alleine alt werden und andere nicht? 

Egal, wie sehr sich Menschen darum bemühen ein besonders gutes Leben zu führen: Diese Ungerechtigkeiten bleiben bestehen. Die Welt ist nicht gerecht!
Was also tun?
„Lass Dich nicht aufreiben!“, flüstert uns der Autor des Predigerbuches mit seinen Worten zu. Lass dich nicht aufreiben. Denn mit dem was du tust, kannst Du nicht verhindern, dass das Leben ungerecht zu Dir ist. Es nützt nichts, ein perfektes sozial- und umweltverträgliches Leben zu führen und sich dabei aufreiben zu lassen. Denn es ist nicht der Ertrag dieser Bemühungen, der mein Leben gerechter werden lässt. Es ist aber auch nicht sinnvoll, sich gar nicht mehr um andere Menschen oder um mein Umfeld zu bemühen, nur weil mein eigenes Leben dadurch nicht gerechter wird. Denn schließlich kann ich nur so dazu beitragen, dass das Leben von anderen Menschen vielleicht ein bisschen gerechter wird. Auch nicht sinnvoll ist es, so der Autor des Predigerbuchs, selbstbezogen vor sich hinzuleben, nur weil man befürchten muss, am Ende seiner Bemühungen mit leeren Händen dazustehen. Denn wenn ich ganz selbstbezogen lebe, dann kann das mein Leben wiederum negativ beeinflussen, weil mir niemand mehr nahe sein will, weil meine Umwelt und weil im schlimmsten Fall mein ganzes Lebensumfeld immer mehr zerstört wird. 

Das weiß auch Aschenputtel. Sie erfüllt treu alle Aufgaben, um in ihrer Situation überhaupt noch ein Lebensumfeld zu haben. Und doch gibt sie ihre eigenen Träume nicht auf. Unbedingt will sie auf den Ball am Königshof. Was soll sie also tun? Und was sollen wir nun tun, gegen die Ungerechtigkeit in unserem Leben? Die Antwort des Autors des Predigerbuches: „Halte dich an die gesunde Mitte. Wenn du Gott ernst nimmst, findest du immer den rechten Weg.“ Die Antwort ist: Vertrauen in Gott. Vertrauen in Gott, und das im Angesicht von erlebter Ungerechtigkeit. Was für eine Herausforderung. Aber zugleich auch eine Gnade, oder auch ein Zuspruch. Mit deinem Schicksal bist Du nicht allein. Gott steht an deiner Seite und wenn Du Dein Leben in Verbindung mit ihm bringst, dann findest du das richtige Maß, um auf Ungerechtigkeit in deinem Leben zu reagieren. Vertrauen hat auch Aschenputtel: Sie vertraut darauf, dass ihre verstorbene Mutter über ihr wacht. Das trägt sie durch die Zeit, in der sie so viel Unrecht erlebt. Und dieses hilft ihr letztlich auch, aus dieser Situation heraus zu kommen. 

Auch uns kann das Vertrauen in Gott durch ungerechte Zeiten tragen. Wir können darauf vertrauen, dass er wie ein lieber Vater oder eben eine Mutter über uns wacht. Und vielleicht hilft uns das auch dabei, die eine oder andere Ungerechtigkeit in unserem Leben hinter uns zu lassen. Und wie Aschenputtel trotz allem glücklich und zufrieden zu leben bis zum Ende unserer Tage.

* „Aschenputtel“, in: Brüder Grimm, Kinder und Hausmärchen, Bd. 1, Stuttgart 2010, 131f.

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