Ein Abend in Jerusalem. Vor knapp 2000 Jahren. Die Dunkelheit ist aufgezogen. Die Öllampen brennen in den Häusern und tauchen die Wände und die Decke, an der sie aufgehängt sind in ein warmes orangefarbenes Licht. Über diesen sanft erleuchteten Häusern prangt ein verschwenderisch mit Sternen behängter Sternenhimmel, der seinen Betrachtern etwas von der unendlichen Weite des Universums erzählt. Es ist eine Szenerie, gemacht dafür, die großen Fragen des Leben zu bearbeiten. Die wirklich großen Fragen des Lebens: „Wer bin ich? Woher kommt die Welt? Gibt es einen Gott? Und wenn ja, wie kann ich mir ihn vorstellen? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Und wie kann ich mir das vorstellen?“ Und wenn dann noch die Gelegenheit besteht, diese großen Fragen mit jemanden zu besprechen, der sich damit auskennt wie wohl kein anderer – dann muss man die Gelegenheit einfach ergreifen. 

Und eine solche Gelegenheit bietet sich einem gewissen Nikodemus. Ihm, der selbst ein bekannter Gelehrter seines Volkes war. Ein Mensch, der gerne gefragt wurde. Der Teil des Hohen Rates war, also der religiösen Elite seines Volkes. Von angesehenen, gebildeten Leuten. Denn eines Abends ist ein gewisser Jesus aus Nazareth in seiner Stadt. Ein Mann, von dem gesagt wird, er sei der Sohn Gottes, weil er schon so vielen Menschen Gott nahegebracht hat. Diesen Jesus möchte Nikodemus kennenlernen, weil er hofft und daran glaubt, dass Jesus selbst ihm, als hoch religiös gebildeten Menschen, Gott noch näher bringen könnte.

Und dann macht er sich auf an diesem besagten Abend, um mit diesen Jesus zu sprechen. Um mit ihm zu philosophieren über die großen Fragen, um etwas herauszufinden über Gott und darüber, wie dieser Jesus die Menschen mit Gott verbindet.
Und dann… dann vergleicht sich dieser Jesus mit einer Schlange. Einer Schlange, die auf einem Stab erhöht aufgehängt wird: „Wie bei Mose, der in der Wüste den Pfahl mit der Schlange aufgerichtet hat. So muss auch der Menschensohn erhöht werden“, sagt dieser, „damit jeder, der glaubt, durch ihn das ewige Leben erhält.“ Jesus spielt auf eine Geschichte an, die dem Gelehrten Nikodemus bekannt gewesen sein dürfte. Diese Geschichte stammt aus alten Erzählungen über das Volk der Israeliten. Als diese aus der Sklaverei unter den Ägyptern flohen und durch die Wüste durch Gott begleitet und von Mose geleitet in das Land zurückkehrten, in dem ihre Vorfahren einst friedlich lebten. Die Flucht durch die Wüste war nicht leicht und die Menschen zweifelten daran, dass Gott es wirklich gut mit ihnen meinte. Sie verloren ihr Vertrauen in Gott. Gott war verärgert über das Misstrauen, wie das Alte Testament erzählt. Und daraufhin erschienen Schlangen, die die Menschen bissen und sterben ließen. Daraufhin bat Mose Gott um Gnade für sein Volk. Gott antwortete ihm: „Mach dir eine eiserne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen wurde und sie ansieht, der soll leben.“ Da machte Mose eine eiserne Schlange und richtete sie hoch auf. Und wenn jemanden eine Schlange biss, dann sah er die eiserne Schlange an und blieb am Leben. – Eine symbolträchtige Geschichte mit drastischen Bildern. Was will sie deutlich machen?

Wer mutlos ist und das Vertrauen in Gott verliert, der lässt seinen Kopf hängen. Aber so auf Dauer durchs Leben zu gehen, völlig ohne Gottvertrauen, das kann wie Gift wirken und einem dem Tod näher bringen als dem Leben. Ein Gift, das jedes Leben in einem erlahmen lässt. Genau wie das Gift der Schlangen, die am Boden kriechen. Schlangen, die das Leben mit ihrem giftigen Biss bedrohen. Schlangen, die man mit diesem zum Boden gesenkten Blick manchmal überall in seinem Leben zu sehen scheint. Die hinter jedem Strauch und hinter jedem Stein hervorzukriechen scheinen. 

An manchen Tagen, in manchen Wochen, in manchen Monaten scheint man über besonders viele Giftschlangen in seinem Leben zu stolpern. Ich kenne solche Tage gut: Da komme ich schon morgens nicht wie geplant zu meinen Termin los, weil mal wieder genau in diesem Moment die Tintenpatrone leer gegangen ist und die Buchstaben in dem Dokument, das ich unbedingt noch mitnehmen will, in einem leuchtenden Magentarot ausgeworfen werden. Also schnell die Patrone gewechselt. Ergebnis: Buchstaben schwarz. Finger leider auch. Also noch einmal zum Waschbecken und Hände geschrubbt. Und dann endlich los. Beim Verlassen des Hauses werde ich mit einem großen Ruck zurückgehalten. Ich drehe mich um und merke, dass ich meinen rechten Ärmel passgenau in die Türklinke eingefädelt habe. Also Ärmel ausgefädelt und nun endlich los zu dem Termin! Später wieder an meinem Schreibtisch angekommen, entschließe ich mich, mir nach diesem hektischen Tagesanfang eine Tasse Kaffee neben die Arbeit zu stellen und nun erst einmal so richtig in diesem Tag anzukommen. Doch schon der erste Blick auf den E-mail-Eingang wirkt ernüchternd. Acht neue E-mails und zwei mit handfesten Problemen, die nicht lange warten können. Gut, sage ich mir, dann schnell ran an die Arbeit. Ich greife zum Telefonhörer und bleibe an meiner Kaffeetasse hängen, deren Inhalt sich unterdessen auf dem Schreibtisch ergießt. Also Telefonhörer wieder weggelegt und erst einmal die Fluten getrocknet und den Laptop gerettet. Noch bevor der Griff erneut zum Hörer geht, blinkt das Smartphone auf. Ein Freund meldet sich und fragt, warum ich noch nicht auf seine letzte Nachricht geantwortet habe. Ich blicke aus dem Fenster. Es regnet. Was kommt wohl noch, frage ich mich und lasse den Kopf nach unten sinken. 

Es sind solche Tage, die unseren Kopf nach unten sinken lassen. Die uns nach der nächsten Schlange suchen lassen, die uns in die Fessel beißen will. Und doch gehen solche Tage meistens doch schnell wieder vorbei. Es kommt die Nacht und vielleicht sieht schon am nächsten Tag alles anders aus. Aber es gibt nicht wenige Menschen, die am nächsten Tag nicht schon wieder die Sonne sehen. Menschen, die mit großen Schicksalsschlägen zu tun haben. Die ihnen auf der Seele liegen und dafür sorgen, dass ihr Kopf dauerhaft gesenkt bleibt. Menschen, die einen Weg durch eine besonders große und trockene Wüste antreten, weil sie Sorgen mit sich tragen, die sie nicht loswerden. Weil ein Streit mit dem Partner oder mit der Familie das tägliche Miteinander stört. Weil die Sorge um einen möglichen beruflichen Abstieg, weil der Konkurrenzkampf mit den Kollegen den Weg zur Arbeit jeden Tag aufs neue in ein tiefes Grau taucht. Weil die Schmerzen in den Knien nicht zulassen, das eigene Haus und den Garten wie früher in Schuss zu halten. Oder weil man schlicht und ergreifend das Gefühl hat, dass alles was man anfässt, dazu neigt, am Ende wieder schief zu gehen. 

All’ das lässt Menschen mit gesengtem Haupt durchs Leben gehen. Weil sie den Blick nach vorne nicht mehr wagen. Weil sie den Mut verloren haben. Weil sie fürchten: Im nächsten Moment könnte mich die nächste Schlange beißen. Und das lässt sie weiter mit gesenktem Blick durchs Leben gehen. Wer den Mut ins Leben und das Vertrauen in Gott verloren hat, der lässt den Kopf hängen und sucht am Boden die Schlangen, die ihn zu beißen drohen.
Das kann wie ein Teufelskreis sein. Aus Angst vor dem nächsten Biss bleibt der Blick dieser Menschen gesenkt. Sie können sich selbst nicht daraus befreien. Und darum bittet Mose in dieser alten Erzählung Gott darum, den Menschen irgendwie zu helfen. Und Gott… fordert Mose daraufhin dazu auf, eine eiserne Schlange anzufertigen und diese oben auf einem aufgerichteten Stab anzubringen. Diese Schlange soll den Blick der Menschen aufrichten! Weg vom Boden. Weg von den Schlangen, die einen in den Knöchel beißen könnten. Hin zu der Schlange, die keine Bedrohung mehr darstellt. Wer Gott vertraut, so die Botschaft dieser Geschichte, der braucht die Giftschlangen in seinem Leben nicht zu fürchten. Denn Gott ist stärker als jede drohende Gefahr. Gott kann einen durchs Leben tragen, auch über Schlangenpfade. Gott kann dabei helfen, den Kopf aufzurichten, nach vorne zu gehen, auch wenn Giftschlangen das Leben bedrohen. Oder kurz gesagt: Gott macht Mut zum Leben. 

Und das will Jesus seinen Zeitgenossen wieder nahe bringen. Gott ist jemand, der ihnen Mut zum Leben machen will! Gott lässt die Menschen nicht allein auf den Schlangenpfaden ihres Lebens, sondern richtet ihre Köpfe auf, sodass sie wieder nach vorne schauen können. Und darum, so Jesus, darum muss auch er wie diese Schlange erhöht werden. Und damit meint er seinen Tod am Kreuz. Er, Jesus, muss sichtbar für alle leiden und sterben. Denn nur so kann er zeigen, dass Gott mit den Menschen mitleidet und das sogar bis in den Tod hinein. Gott teilt das Schicksal, Gott durchquert auch die Schlangenpfade. Gott leidet mit und wer mitleidet, der tröstet auch!

Vielleicht hat Sie ja schon einmal jemand mit den gut bekannten Trostworten „Kopf hoch“ getröstet und Ihnen dabei sanft über den Rücken oder den Hinterkopf gestreichelt. Und vielleicht haben Sie dabei auch erfahren, wie gut so ein schlichtes „Kopf hoch“ tun kann. Besser als so manche lange Rede. Trost geschieht oft nicht durch viele Worte. Sondern, indem jemand das Leid eines anderen mit aushält, ihm zuhört, vielleicht den Rücken streichelt. Und ihm Mut macht, aufzusehen. Weg von den allgegenwärtig erscheinenden Giftschlangen. 

Und das ist es, was Gott will, so Jesus: Mitleiden, Mit-Aushalten, die gebeugte Seele streicheln. Und den traurigen Menschen zuflüstern: „Kopf hoch!“
Kopf hoch! Das ist die Botschaft, die Jesus den Menschen von Gott mitteilt, als er sich freiwillig ans Kreuz schlagen lässt. Kopf hoch! Ich bin bei dir, ich halte das Leid mit aus. Und weil wir als Christinnen und Christen wissen, dass nach Karfreitag auch Ostern kommt, wissen wir auch, dass das Leiden nicht das letzte Wort hat. „Kopf hoch“, ist darum die zentrale Botschaft, die mir jedes Kreuz, das ich sehe, zuflüstert. Kopf hoch!
In manchen Kirchen finden sich Bilder vom gekreuzigten Jesus, der am Kreuz hängend mit einem seiner Füße einer Schlange auf den Kopf tritt. Die Botschaft dieser Bilder: Gott leidet mit und in diesem Mitleiden sollen die Giftschlangen auf den Lebenspfaden der Menschen ihre Kraft verlieren. 

Nikodemus dürfte nicht wenig überrascht gewesen sein über diese Erklärung von Jesus. Jesus bringt den Menschen Gott nahe, indem er sich kreuzigen lässt. Um Ihnen deutlich zu machen: Gott leidet mit, ganz menschlich. Gott zeigt sich schwach, ganz menschlich. Gott ist ganz menschlich. Gott ist ein tröstender Gott!
Eine Sichtweise auf Gott, die für ihn und die anderen religiösen Gelehrten seiner Zeit ziemlich fremd gewesen sein muss. Ein Gott, der ganz menschlich daherkommt. Das musste Nikodemus wohl erst einmal verdauen. Denn nach dieser Rede von Jesus endet das Gespräch zwischen den beiden. Doch es scheint, als ob dieses Gespräch zwischen ihm und Jesus über Gott und die Welt bei ihm nachgewirkt hat. Denn als Jesus wahr macht, was er an diesem Abend angekündigt hatte, als er sich freiwillig ans Kreuz schlagen lassen will – da ist es dieser Nikodemus, der sich für ein gerechtes Verfahren Jesus gegenüber einsetzt, und es ist dieser Nikodemus der zusammen mit Josef von Arimathäa für eine würdevolle Bestattung des gekreuzigten Jesus sorgt. 

Nikodemus leidet in dieser schweren Stunde mit Jesus mit. In jenen Stunden wird auch in ihm Gott als tröstender Gott sichtbar. Gerne stelle ich mir vor, wie Nikodemus nach diesen Ereignissen mit dem ein oder anderen Bekannten unter einem sternklaren Nachthimmel gesessen haben dürfte. Wie sie über Gott gesprochen haben. Wie diese Menschen fragten, wie man sich Gott am besten vorstellen könnte. Und Nikodemus vielleicht geantwortet hat: „Wie jemand, der für Dich da ist, wenn es Dir nicht gut geht. Der Dir über den Rücken streichelt und der zu Dir sagt: Kopf hoch!“

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