Draußen ist es dunkel und kühl. Nur der Halbmond wirft etwas Licht auf die Äste der alten Buche vor dem Fenster. Der Wind rauscht in ihren Ästen, die schon einige Blätter verloren haben. Ein wenig Mondlicht drängt sich durch die roten Vorhänge in das Kinderzimmer. Hier ist es warm und gemütlich. Auch hier leuchtet der Halbmond, allerdings einer aus Papier. Er wirft gelbes Licht auf das Bett von Ina. Sie ist 5 Jahre alt und liegt eingegraben unter ihrer Bettdecke, neben Paul, ihrem Teddybären und ihrer Mama, die gerade zum Gute-Nacht-Sagen an ihrem Bett sitzt. Fest zu diesem Ritual von Mama und ihr gehört auch ein Abendgebet, so wie es Ina im Kindergarten gelernt hat:

„Alle die mit mir verwandt,
Gott lass ruh’n in Deiner Hand, alle Menschen groß und klein, sollen Dir befohlen sein.
Kranken Herzen sende Ruh,
nasse Augen schließe zu,
lass den Mond am Himmel steh’n,
und die stille Welt beseh’n.“

Ihre Mutter will gerade Amen sagen, da fügt Ina noch hinzu: „Und mach Clara bis morgen Mittag gesund, damit wir zusammen spielen können! Und lass morgen früh die Sonne scheinen, damit ich Fahrrad fahren kann.“ Dann folgt mit überzeugtem Ton: Amen. Und ein Lächeln legt sich auf ihr Gesicht. Jetzt hat sie Gott alles gesagt, was ihr wichtig ist und kann entspannt einschlafen. Sie kuschelt sich zum Einschlafen an ihren Teddybär und irgendwie auch an Gott, auf den sie sich verlassen kann. Der macht das schon. Da ist sich Ina sicher, schließlich hat sie wichtige Gründe! Ihre Mama gibt ihr noch einen Kuss und streicht ihr noch einmal über ihre Stirn. Dann löscht sie das Licht und verlässt den Raum.
Als Inas Mutter sie Tür zum Zimmer ihrer Tochter geschlossen hat, schmunzelt sie. Das waren noch Zeiten, als sie so kindlich glauben konnte wie ihre Tochter! Voller Vertrauen, dass Gott alles so richten will, wie sie es sich wünscht. Gedankenversunken tappt sie im Halbdunkeln ins Wohnzimmer, lässt sich auf das Sofa fallen und greift nach ihrem Smartphone. Sie öffnet die Wetter-App und sieht eine dunkle Regenwolke auf dem Bildschirm. Oh je, dass wird wohl nichts mit dem gewünschten Sonnenschein morgen. Ob Gott die Regenwolken wohl noch wegzaubern kann? Wie schade, dass man im Leben immer wieder die Erfahrung macht, dass das, was man sich so sehr wünscht nicht eintritt. Schade, dass auch die Wünsche in Gebeten sich so oft nicht erfüllen. Als sie damals Jugendliche war, hatte ihr das ganz schön zu schaffen gemacht. Sie war gerne in den Kindergottesdienst gegangen. Sie fand es spannend, von diesen ganzen Männern und Frauen zu hören, die Gott in ihrem Leben fest an ihrer Seite wussten. Sie hörte so gerne von Gott, der sie und ihre Familie beschützt, auf den man sich verlassen kann. Sie betete genauso gerne wie ihre Tochter vor dem Schlafen, zusammen mit ihrem Papa. Bis sie älter wurde und immer deutlicher feststellte, dass ihre Gebete sich ganz oft nicht erfüllten. Die Sonne am nächsten Morgen und der Schnee an Weihnachten blieben aus. Der 2 in Englisch trauert sie bis heute hinterher. Die Beliebteste in der Klasse wurde sie auch nie und ihr Jugendschwarm begann sich auch nach zahlreichen Gebeten nicht für sie zu interessieren.
Als dann auch ihre Gebete nicht erhört wurden, als ihre Oma krank wurde und letztendlich starb, hatte sie das Beten und Gott ganz aufgegeben. Er tut ja doch nichts! Wer weiß schon, ob es ihn überhaupt gibt? Mit dem Umzug aus von ihrem Kinderzimmer in ihr Jugendzimmer war der Glaube ganz ausgezogen. Ihrem Mann ging es da nicht wirklich anders. Erst ihre Tochter brachte Gott dann wieder zurück ins Haus. Durch den Kindergarten. Es war ihr Wunsch, vor dem Schlafen zu beten. Und wenn sie Ina so beten hört, dann wird ihr auch immer ganz warm ums Herz. Hauptsache, Ina wird nicht auch so enttäuscht wie ich damals, denkt sie. Aber große Hoffnung hat sie nicht. Hmm…. bisher hat es Ina noch nicht groß enttäuscht, wenn es mal nicht klappte mit ihren Gebetswünschen, aber…
Ihr Blick fällt auf die Samstagszeitung auf dem Tisch. Sie greift danach und blättert die dünnen Seiten um. Ganz am Ende findet sie, was sucht: Die Wetterprognose. Aber auch hier sind auf der bunten Karte nur Regenwolken zu sehen. Schade, schießt es ihr durch den Kopf und da fallen Ihre Augen auf die Andacht zum Sonntag, die jeden Samstag in ihrer Zeitung direkt über der Wetteranzeige erscheint. Bisher interessierte sie sich nicht besonders dafür. Aber heute ziehen sie die Worte darin magisch an. Denn dort ist von einem Vater die Rede, der an seinem Glauben verzweifelte:

All seine Hoffnung hatte er in die Jünger Jesu gesteckt, dass sie seinen Sohn von dessen Krankheitssymptomen würden befreien können. Sie konnten es aber nicht. Er war enttäuscht über die Jesusleute. Er hatte so fest daran geglaubt, dass sie seinem Sohn helfen könnten. Und nun zweifelte er sogar daran, dass Jesus seinem Sohn würde helfen können. Und als Jesus dann endlich persönlich vor ihm stand, übertrug er all seine Enttäuschung auf ihn und flehte ihn misstrauisch an: „Wenn du etwas vermagst, so hilf uns!“ Jesus, offensichtlich von dem Misstrauen überrascht, antwortete ihm: „Was soll das heissen: ‚Wenn du etwas vermagst‘? Alles ist möglich dem, der glaubt!“
Alles ist möglich dem, der glaubt. Alles! Was für eine Aussage! Glauben kann „alles“ möglich machen: Glauben kann dem leidenden Sohn Kraft bringen, mit den Symptomen klar zu kommen. Vielleicht kann er ihn sogar in Teilen davon befreien. Und der Glaube kann dem Vater helfen, mit der Situation klarzukommen. Er kann ihn aushalten lassen, wenn es mit der Heilung seines Sohnes durch die Jünger nicht klappt. Gott wird es gut machen, darauf darf er vertrauen.
Ja, das wollte der Vater, vertrauen: auf Gott, auf Jesus! Aber es fiel ihm so schwer, wenn er seinen leidenden Sohn anguckte. Er mochte so gerne glauben, er mochte Jesus vertrauen und flehte ihn an: „Ich glaube! Hilf meinem Unglauben! Ich will dem vertrauen, was Du gesagt hast. Ich will daran glauben, dass alles möglich ist, wenn man glaubt. Ich glaube daran, befreie mich von dem, was mich davon abhält daran glauben zu können!“
Darauf befreite Jesus den Sohn des Vaters von seinen Leiden. Der Vater glaubte, auch wenn ihn das Leiden seines Sohnes, daran zweifeln ließ. Er wollte an das glauben, was Jesus ihm gesagt hat. Er wollte es so sehr. Und in diesem Wollen steckte schon sein Glaube.

Inas Mutter lässt die Zeitung auf ihren Schoß sinken. Sie denkt an Ina, die sich mit ihrem Kinderglauben einfach so darauf verlässt, dass Gott ihre Bitten umsetzen wird. Und sie denkt an diesen Vater, der sich auf Gott und Jesus verlassen wollte. Der trotz seiner Enttäuschung an Jesus dran blieb, fest daran glaubte, dass ihm der Glaube helfen würde. Irgendwie. Selbst, wenn sein Sohn nicht gesund werden sollte.
Wie gern hätte sie ihren Kinderglauben manchmal wieder zurück! Blankes bedingungsloses Vertrauen. Aber der Kinderglaube passt ihr heute genauso wenig, wie ihre alte Kinderjacke oder die von Ina.
Aber in die Situation dieses Vaters kann sie sich gut hineinversetzen. Damals, als ihre Oma starb, hätte auch sie Gott gerne angebrüllt: Ich möchte doch so gerne glauben. Warum tust Du nichts gegen meinen Unglauben? Sie hätte sich die Kraft dieses Vaters gewünscht. Dieses unbändige Dranbleiben an Gott, trotz aller Enttäuschung. Für sie ist das ein beeindruckender Glaube!
Der Wind ist in Zwischenzeit lauter geworden. Die Äste der Bäume schaben mit ihren Spitzen an den Fenstern. Inas Mutter entschließt sich, noch mal nach ihrer Tochter zu schauen. Wieder tappt sie über den Flur und öffnet am Ende des Gangs die Tür zu dem Kinderzimmer. Ina schläft tief in die Decken gekuschelt. Eine kurze Weile beobachtet sie sie im Schlaf, während draußen der Wind die Äste an die Scheibe schlägt. Hier liegt die Welt noch in warmen Decken, während draußen schon der kalte Wind an das Fenster klopft. Irgendwann ist das Kinderzimmer Vergangenheit und das schlichte Vertrauen auch. „Aber vielleicht muss ja der Glaube nicht ganz ausziehen, das wünsche ich Dir so sehr Ina“, flüstert sie ihr zu. Dann schließt sie wieder die Tür des Kinderzimmers.
Immer lauter fegt der Wind um das Haus. Komisch, der Wetterbericht hatte doch gar nichts von Sturm gesagt. Wieder sucht sie nach ihrem Smartphone und staunt nicht schlecht, als sich ihre Wetter-App öffnet. Auf dem Bildschirm prangt für den morgigen Tag eine kreisrunde und fröhlich lächelnde Sonne. Sie muss schmunzeln. Manchmal erfüllen sich Gebete ja doch noch. Sie setzt sich hin, faltet ihre Hände und spricht: „Guter Gott ich möchte so gerne an Dich glauben, hilf meinem Unglauben.“

 

Predigt zum 17. Sonntag nach Trinitatis 2017 über Markus 9,14-27.

 

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