„Als ich ein Knabe war, in Weihnachtszeiten,
wie war ich selig da und unersättlich, 
im Duft der Kerzen mit dem neuen Spielzeug
zu spielen unterm Tannenbaum: dem Roß,
dem Bilderbuch, der Eisenbahn. der Violine!
Und wenn auch jedes Spielzeug bald erlosch
und Alltag wurde. Jeder Weihnachtsbaum
war wieder neu, war Fest und Wunder,
umfing mich wieder mit dem Zaubernetz.“

 

Diese Sätze stammen von Hermann Hesse und sind die ersten Verse aus dem Gedicht „Weihnachten des Alten“. Ein alter Mann beschreibt was ihm das Weihnachtsfest früher und heute bedeutet hat. Wie war ich selig da und unersättlich. Ich kann das Kind regelrecht sehen: Mit glänzenden Augen. Immer wieder verlagert es das Gewicht von einem Bein aufs andere und dann ist es endlich soweit. Die Tür geht auf und der Baum steht vor ihm in seiner ganzen Herrlichkeit! Riesengroß, unzählbar viele Kerzen stecken an seinen Zweigen. Alles glänzt im Raum. Und das Spielzeug, das der kleine Junge auspackt, ist genau das, was er sich schon immer gewünscht hatte. Ein Weihnachtszauber, der das Kind wie in ein Netz einfängt. Ich höre das Schwärmen des alten Mannes aus den Versen. Wie schön war das damals. Ich höre das Kind in ihm. Aber ich höre auch den Erwachsenen. Der Erwachsene weiß, dass dieser Zauber nicht anhält. Er weiß: Die Eisenbahn von jenem Weihnachtsfest war letztlich nur ein Spielzeug unter anderem. Der funkelnde Weihnachtsbaum war eine unter vielen Nordmanntannen. Jedes Jahr von den Eltern beim gleichen Händler gekauft. Der Zauber weicht mit dem Erwachsenwerden. Hesse lässt den alten Mann weitersprechen:

 

„Doch die Sehnsucht malt
mir einen letzten, höchsten Zauber noch
in holden Farben aus: das letzte Fest,
den Ausgang aus der Spiel- und Kinderwelt,
den Eingang in die nächste, tief ersehnt.
Dein denk ich, wenn die leergewordne Welt
um mich mit ihren farbigen Scherben flirrt,
Dein denk ich, letztes Spiel, geliebter Tod!
Aufglänzen wird noch einmal Kinderlust,
noch einmal wird der dünne Christbaum blühn
und Wunder strahlen, dass im dunkeln Schacht
das Herz von neuer Wonne bang erquillt.
Und zwischen Kerzenglanz und Tannenduft
und all dem Wust zerbrochener Spielerei’n
wird aus dem wonnevollen Dunkel
die ferne Stimme meiner Mutter rufen.“

 

Ein alter Mensch hat lange gelebt. Das lässt sich so leicht sagen. Aber es bedeutet: Erfahrungen. Erfahrungen, die dem erlebten Zauber mancher kindlichen Weihnacht entgegenstehen. Das Spielzeug der heilen Welt ist zerbrochen. Manches Heile geht im Leben zu Bruch: Beziehungen, Gesundheit, das freie Verfügen über die eigene Zeit, Ziele und Träume. Und trotzdem ist die Adventszeit voll von kindlichen Träumen. In zahlreichen Vorgärten glitzern die Sträucher mit ihren Lichterketten. Menschen laufen durch die Fußgängerzone mit Nikolausmützen und betrachten das Karussell auf dem Weihnachtsmarkt. Es wird gebacken und wo keine Zeit dafür ist, Gebackenes gekauft. Natürlich das, was man früher schon immer so gerne gegessen hat. Weihnachtslieder dröhnen reihenweise aus den Lautsprechern. Wir jagen von einer Weihnachtsfeier zur nächsten. Dann richten wir noch selber eine aus. Dabei stöhnen wir über alles, was noch bis Weihnachten zu tun ist.
 Die Sehnsucht nach dem vorweihnachtlichen Zauber ist groß. Endlich wieder wie als Kind Weihnachten erleben! Denn das Leben hat für den erwachsenen Menschen oft wenig Zauberhaftes übrig. Aber die Kindheit können wir uns nicht zurückholen. Wenn wir uns anschauen, wie es früher war, sehen wir auch: Heute ist es nicht mehr so. Das Spielzeug ist zerbrochen. Aber die Scherben klirren weiter. Sehnsucht. Aber wohin damit wenn es nicht zurück gehen kann? Der alte Mann aus Hesses Gedicht hat seine Antwort darauf schon gefunden:

 

„Doch die Sehnsucht malt
mir einen letzten, höchsten Zauber noch
in holden Farben aus: das letzte Fest,
den Ausgang aus der Spiel- und Kinderwelt,
den Eingang in die nächste, tief ersehnt.
Dein denk ich, wenn die leergewordne Welt
um mich mit ihren farbigen Scherben flirrt,
Dein denk ich, letztes Spiel, geliebter Tod!
Aufglänzen wird noch einmal Kinderlust,
noch einmal wird der dünne Christbaum blühn
und Wunder strahlen, dass im dunkeln Schacht
das Herz von neuer Wonne bang erquillt.
Und zwischen Kerzenglanz und Tannenduft
und all dem Wust zerbrochener Spielerei’n
wird aus dem wonnevollen Dunkel
die ferne Stimme meiner Mutter rufen.“

 

Die Sehnsucht nach dem weihnachtlichen Zauber führt den alten Mann nicht in die Vergangenheit. Sie führt ihn in die Zukunft. Das Staunen über den Baum, die Freude über das Spielzeug stellt sich in diesem irdischen Leben nicht mehr ein. Die Scherben des Spielzeugs klirren von Jahr zu Jahr. Der Advent klirrt kräftig. Sehnsuchtsvoll stöhnen die Lautsprecher und funkeln die Lichter vom weihnachtlichen Zauber. Doch die schönen Momente aus der Kindheit gibt es nur noch bruchstückhaft.
Wie wegweisend ist da die Sehnsucht des alten Mannes nach einer neuen Spiel- und Kinderwelt, nach seinem irdischen Leben! In einem letzten Fest glänzt die Kinderlust noch einmal auf. Der Weihnachtsbaum blüht wieder auf. Die ferne Stimme der Mutter ruft. Die Kinderlust glänzt von neuem. Eine neue Kindheit beginnt. So wie damals ist der Baum der schönste, den es je gab. Das Spielzeug unter dem Baum genau das, was er sich schon immer gewünscht hatte.
Gott schenkt uns an Weihnachten Hoffnung. Die Hoffnung auf eine neue Welt! So unbeschwert, wie wir sie uns wohl alle wünschen. Verzweifelt versuchen wir Menschen, unsere heile Welt selbst herzustellen. Es muss doch wieder so sein können wie früher als Kind! Vielleicht hilft noch eine Lichterkette im Wohnzimmer oder wir gehen noch zu der anderen
Weihnachtsfeier. Vielleicht feiern wir dieses Jahr einmal mit allen Eltern zusammen. Aber es bleiben doch nur Scherben des kindlichen Zaubers, der heilen Welt. Vielleicht sind es sehr schöne Scherben, die viele Erinnerungen wachrufen. Aber es bleiben doch Scherben. „Dein denk ich, wenn die leergewordne Welt um mich mit ihren farbigen Scherben flirrt“, sagt der alte Mann. Im Advent flirrt sie wieder um uns: Die Welt mit ihren farbigen Scherben. Jetzt zeigt sich wieder besonders, wie sehr wir uns nach einer heilen Welt sehnen. Und es zeigt sich, wie sehr wir Gott brauchen. Denn nur er kann und wird sie uns wieder schenken. Aber darauf können wir hoffen und vertrauen:

 

„Das Volk, das im Dunkeln lebt, sieht ein großes Licht.
Die im Land der Finsternis wohnen, Licht leuchtet über ihnen.
Du vermehrst den Jubel, Du machst die Freude groß!“

So steht es in der Bibel im Buch des Propheten Jesaja (9,1-2).

 

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

%d Bloggern gefällt das: