Wer von Euch hat schon einmal am Wattenmeer Urlaub gemacht? Vielleicht habt ihr ja dann dort auch schon einmal beobachtet, wie bei Watt die Schiffe und Boote im Hafen fest auf dem Trockenen lagen und dann mit kommender Flut allmählich vom Wasser umspült wurden, bis dann mit einem Mal der Rumpf des Schiffes zu zucken beginnt und sich allmählich wie von Geisterhand in Bewegung setzt. Das Wasser hebt das Schiff allmählich an und gibt ihm seine Bestimmung zurück: Auf dem Wasser zu schwimmen und in jegliche denkbare Richtung zu treiben und zu fahren. Auf dem Trockenen können Schiffe liegen. Auf dem Wasser können sich Schiffe bewegen. Dafür reicht nur eine Hand breit Wasser unterm Kiel. Diese Hand breit Wasser unterm Kiel schenkt einem Schiff Freiheit. Nichts weiteres braucht es dazu. Nur Wasser.

Wasser ist schon ein beeindruckendes Element. Überall in der Natur kommt es vor und ist auch dort zu finden, wo man es nicht sehen kann. In Seen und Flüssen. Unter der Erde. In Pflanzen. In den Wolken des Himmels, in den Regentropfen, die uns auf die Nase fallen. Jeden Tag holen wir uns Wasser aus dem Hahn unserer Waschbecken und Duscharmaturen. Füllen es in Töpfe zum Kochen und in Flaschen, um es zu trinken. Ja, auch in uns ist Wasser. In Menschen und Tieren. Sogar nicht wenig. Bei unserer Geburt besteht unser Körper aus beeindruckenden 95% Wasser. Bis ins Erwachsenenalter sinkt der Anteil dann allmählich auf 70% ab. Und doch, er bleibt unser ganzes Leben deutlich der größte Anteil, der uns ausmacht. Wasser ist vielleicht das Element des Lebens. Denn in Wasser, im sogenannten Urteich entstanden die ersten Zellen auf diesem Planeten und im Wasser entstehen auch unsere ersten Zellen – im Fruchtwasser. Penibel wird die Menge des Fruchtwassers von den Ärzten während der Schwangerschaft kontrolliert. Und kurz vor der Geburt warten alle auf den Moment, in dem die Fruchtblase platzt, Fruchtwasser austritt und die Geburt eines neuen Menschen endlich beginnt. Gut behütet werden wir im Fruchtwasser groß. Sicher und mit allem versorgt. Und es ist die flüssige Milch, die uns dann frisch auf die Welt gekommen vortrefflich ernährt. Durst ist eines der ersten Gefühle, die wir kennenlernen. Denn wer nichts zu trinken hat, dessen Leben ist schlichtweg in Gefahr. Also trinken die Babys und freuen sich an dem Wasser, in dem sie zum ersten Mal planschen. Wie es spritzt und plitscht und das halbe Bad überflutet. Als Kleinkinder lernen wir dann, wie schnell man im Wasser untergehen kann. Dass Wasser auch bedrohlich sein kann. Wo es auf der anderen Seite doch so wichtig und schön ist. Wasser kann auch gefährlich werden, darum lernen wir es, wo es möglich ist, es zu beherrschen. Mit Schwimmkursen und Hilfsmitteln: Schwimmflügeln und Schwimmringen. Und dann gibt es ja sogar diese Hilfsmittel, die einem dabei helfen auf dem Wasser zu sein, ohne zwingenderweise nass zu werden: Also die Boote, Schiffe, oder Standup-Paddles (wenn man sie denn beherrscht ;)). Die Menschheit hat gelernt, wie sie Wasser in vielen Situationen die Gefahr nehmen kann. Doch gibt es Naturkatastrophen wie Tsunamis, die einem weiterhin die Gewalt, die in Wasser stecken kann, vor Augen führt. Wasser ist ein gewaltiges Element. Wie kaum ein anderes Element hat es mit dem Leben und dem Tod zu tun. Wasser kann einem, so alltäglich es ist, wenn man genau darauf achtet, die tiefe Bedeutung des Lebens vor Augen führen. Wasser zeigt wie gefährdet unser Leben ist. Denn jede und jeder von uns braucht Wasser, braucht etwas zum leben, damit es weitergeht. Wasser ist es, was uns leben lässt, was uns Energie gibt frei zu leben. Und damit ist Wasser das Symbol für alles, was uns leben lässt! Für das, was uns dabei hilft, dass wir nicht wie Schiffe sind, die auf dem Trockenen liegen. Erst mit einer Hand breit Wasser unterm Kiel erfüllen auch wir unsere Funktion, und diese Funktion heisst:

Leben! Frei sein!

„Frei zu sein ist deine Pflicht! Eine andere hast Du nicht“, singt Tim Linde in dem eben noch gehörten Tauflied. „Frei zu sein ist deine Pflicht! Eine andere hast Du nicht.“ Was für ein Segen. Frei sein! Das ist es, was unser menschliches Leben ausmacht. Tage zu gestalten. Diese Welt zu erkunden. Gefühle zu erleben und aus ihnen etwas sinnvolles zu machen. Mit Menschen zu leben. Menschen zu lieben. Diese Welt ein Stück weiter zu bewegen und sich für sie einzusetzen! Leben bedeutet sich frei zu bewegen. Kurs zu setzen. Ziele zu verfolgen und zu entdecken, zu entdecken, zu entdecken.

Wenn wir Kinder sind liegt unser Lebensschiff noch im Hafen. Doch Wasser ist schon unter unserem Kiel! Bereit zur großen Fahrt. Bereit, in geraumer Zeit fremde Meere zu erkunden. Hinter den Horizont zu schauen. Kindergarten und Schule zu entdecken. Fremde Kinder und Erwachsene. Neue Erfahrungen zu machen. Neue Fähigkeiten zu lernen. Zu scheitern und Erfolge zu feiern. Zu weinen und zu lachen. Unsinniges zu erträumen, auch mal zu machen. Wichtiges zu erreichen. Eine eigene Welt zu errichten. Sich zu verlieben, und in Liebeskummer zu versinken. Das ganz Eigene zu entdecken. Was wartet nicht alles hinter diesem Heimathafen, in dem wir alle Ausrüstung für unsere große Fahrt erhalten! Und doch wissen wir nicht, ob nachher alles dabei sein wird für die Abenteuer, die wir bestehen müssen. Kennt man ja, dass einem erst unterwegs auffällt, dass irgendwas fehlt. Doch solange genügend Wasser unter dem Kiel ist, kann man ja immer einen Hafen ansteuern. Und das kann, selbst nach vielen Jahren, auch einmal der Heimathafen sein.

Erfahrene Seefahrer wissen, dass worauf es am Ende ankommt, ist, genug Wasser unterm Kiel zu haben. Nicht aufzusetzen und stecken zu bleiben. Wer fürchtet sich nicht davor auf seiner großen Lebensfahrt einmal stecken zu bleiben! Denn es gibt gefährliche Passagen, die es zu überwinden gilt. Mit gefährlichen Untiefen, auf denen man aufzusetzen droht. Manchmal ist das Leben wie eine schmale Fahrrinne. Was man auch tut, man hat das Gefühl zu übersteuern. Man hat das Gefühl, nicht die richtige Entscheidung treffen zu können. Den schmalen Grad zu treffen, der einen noch aus dieser Situation herausbringt. Dann hilft nur noch Vertrauen, Glauben. Denn wie heisst es so schön: „Vor Gericht und auf hoher See sind wir alle in Gottes Hand.“ Und nichts anderes ist das Leben ja als eine Fahrt auf hoher See. Unendliche Weiten, viele Möglichkeiten, aber auch viele Untiefen und Gefahren, auf die man zusteuern könnte.

Den ruhigsten Kurs fahren dabei am Ende die, die darauf vertrauen, immer eine Hand breit Wasser unterm Kiel zu haben. Wasser, das einen durchs Leben trägt. Und zwar verlässlich! Und diese Hand breit Wasser unterm Kiel ist Gott. Das Göttliche, das was hinter dieser Welt steht und in ihr wirkt, wie lebendiges Wasser (vgl. Johannesevangelium 4,14). Was in uns wirkt wie lebendiges Wasser. Das Göttliche in uns ist es, was uns frei leben lässt. Das uns frei sein lässt, das uns in fremde Welten und vertraute Häfen steuern lässt. Das Göttliche in uns ist es, das uns dabei hilft nicht auf einer Untiefe aufzulaufen, nicht feststecken zu bleiben. Und mit Jesus bekommt jede Christin und jeder Christ einen Seekarte mit an Bord, auf der genau eingezeichnet ist, wo das Göttliche im Leben zu finden ist. Denn das Göttliche trägt durchs Leben, Gott, trägt durchs Leben!!! Von dieser Überzeugung erzählt auch das Jesajabuch aus der Bibel, indem es Gott selbst zu Wort kommen lässt. Dort heisst es: 

»Ich habe euch getragen, seit es euch gibt;  ihr seid mir aufgeladen, seit ihr aus dem Mutterleib kamt. Bis ihr alt und grau werdet, bin ich es, der euch trägt. Ich habe es bisher getan und ich werde es auch künftig tun. Ich bin es, der euch trägt und schleppt und rettet!“

(Jesajabuch 46,3–4)

Wie Wasser Boote trägt, so trägt Gott auch Dich, und Dich, und Dich! So trägt Gott auch mich. Wie Wasser Boote trägt, so trägt Gott uns durchs Leben. Eine verlässliche Hand breit Wasser unterm Kiel. Das ist Gott!

Und so eine Hand breit Wasser wird seit Jahrhunderten jeder neuen Christin und jedem neuen Christen symbolisch mit auf den Weg gegeben: Bei der Taufe. Dem Start ins christliche Leben. Getauft im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, mit Wasser Lebenswasser. Mit Wasser, das Leben bringt. Mit Wasser, das für Gott steht, Gott der in uns wirkt, uns frei macht und durchs Leben trägt. Dass dieser Gott Euch durchs Leben trägt, das wünschen Euch Täuflingen sicherlich alle in diesem Raum. Dass Euer Weg frei von Untiefen sei und viele schöne Erlebnisse auf Euch hinter dem Horizont warten auf Eurem Weg durchs Leben.

Also, gute Fahrt, Gottes Segen,

Und immer eine Hand breit Wasser unterm Kiel!

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

%d Bloggern gefällt das: