Moderation:
Lieber Martin Luther, liebe Katharina Luther, meine erste Frage wäre, was bedeutet Freiheit für Sie?

 

Martin:
Ich bin damals in dieses Gewitter gekommen und fürchtete, dass ich da nicht wieder lebend rauskomme. Und ich hatte Angst, dass ich dann keine Chance habe, in den Himmel zu kommen, weil ich so viele Fehler gemacht habe im Leben – wie wir alle.
Deswegen bin ich in ein Kloster eingetreten, um dort ein möglichst gutes und richtiges Leben führen zu können. Damit ich nach meinem Tod garantiert bei Gott bin. Aber das hat nicht funktioniert. Denn dort habe ich erst gemerkt, dass ich als Mensch gar kein perfektes Leben führen kann! Immer wieder gab es Regeln, die ich gebrochen habe, obwohl ich es nicht wollte. Immer wieder wurde mir gesagt, dass Gott mich für das, was ich falsch mache, bestrafen wird und ich dafür büßen muss. Das hat mich fertig gemacht!

 

Moderation:
Wie haben Sie das ausgehalten?

 

Martin:
Ich habe viel mit mir gekämpft. Und ich habe immer gedacht, kann Gott das wirklich von mir wollen? Das konnte ich nicht glauben!
Mir wurde klar, es ist genau andersherum: Gott will uns nicht bestrafen, sondern befreien von dem Druck, perfekt sein zu müssen! Freiheit ist für mich ein Geschenk von Gott!

 

Katharina:
Oh ja, das mit der Freiheit ist echt sein Thema!
Meine Geschichte war teilweise ähnlich wie bei Martin: meine Eltern hatten schon beschlossen, dass ich Nonne werden soll, als ich noch ein Kind war. Ich kannte es also einfach nicht anders. Aber später, als ich erwachsen war, habe ich Schriften gelesen, in denen gesagt wurde, dass man nicht näher bei Gott ist, nur weil man im Kloster lebt. Sondern dass man als Christ an jedem Ort – und im normalen Alltag – leben kann. Diese Schriften hatte Martin geschrieben. Das hat mich nicht mehr losgelassen, ich musste immer darüber nachdenken.

 

Moderation:
Und wie ging es dann weiter?

 

Katharina:
Irgendwann bin ich mit einigen anderen Nonnen aus meinem Kloster geflohen, heimlich nachts. Das war ganz schön gefährlich, weil es ja gar nicht erlaubt war, einfach so aus einem Kloster herauszugehen.
Aber während die Männer sich über theologische Schriften den Mund fusselig redeten und endlos diskutierten, haben die anderen Nonnen und ich das einfach umgesetzt. Wir Frauen wollten diese Freiheit wirklich leben, die Martin entdeckt hatte! Ich wollte ohne Druck leben, und mein Leben frei gestalten!

 

Martin:
Das wollte ich auch. Aber ich muss zugeben, dass du dabei etwas praktischer veranlagt bist. Ich wollte die Menschen erst einmal davon überzeugen, dass Gott ihnen ein freies Leben schenkt – darum habe ich Schriften geschrieben und theologische Streitgespräche geführt. Das war erst einmal das Wichtigste!

 

Katharina:
Das Wichtigste? All das ist aber nicht möglich, wenn man nicht einfach mal etwas tut statt nur zu reden. Ich ziehe immerhin unsere Kinder groß, führe den Haushalt und sorge für die Studenten, die bei uns wohnen, um von Martin zu lernen. Und ehrlich gesagt, auf das Geld muss ich auch achten, denn das kann er nicht besonders gut…
(zu Martin:) Erst dadurch kannst du deine Bücher schreiben und hast die Freiheit, über diese ganzen hochtheologischen Fragen nachzudenken!

 

Martin:
Naja, wie auch immer…

 

Moderation:
Was könnte das mit der Freiheit denn heute, im 21. Jahrhundert, bedeuten?

 

Martin:
Ich glaube, dass auch in eurer Zeit viele Menschen versuchen, ein gutes Leben zu führen. Aber immer wieder scheitern sie daran und haben das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Aber wenn man an Gott glaubt, braucht man das nicht mehr! Dann darf man erstmal einfach nur dasein und kann mit sich selbst zufrieden sein. Denn Gott findet mich gut, so wie ich bin, ohne dass ich dafür etwas tun muss! Das macht Mut befreit zu leben!

 

Moderation:
Vielen Dank für das Gespräch, Martin und Katharina Luther!

 

Aus dem Jugendgottesdienst am 27. Oktober 2017 in der Liebfrauenkirche Neustadt

 

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