Ein Gespenst geht um in Europa: Das Gespenst des Verlassenseins!

„Es herrscht ein Gefühl des Verlassenseins“* in großen Teilen Deutschlands und Frankreichs, so fasste im vergangenen Jahr der Politik- und Kommunikationsberater Johannes Hillje gegenüber dem Kölner Stadt-Anzeiger die Ergebnisse seiner Studie zusammen. Eine Studie, die er im Auftrag der Berliner Denkfabrik „Das Progressive Zentrum“* leitete und die die Hintergründe für die derzeitigen politischen Entwicklungen untersuchen sollte. Für diese Studie führten Johannes Hillje und seine Mitarbeiter zahlreiche Haustürgespräche in Gegenden Deutschlands und Frankreichs, in denen die AfD und der rechtsextreme Front National bei den zurückliegenden Wahlen besonders gut abgeschnitten hatten. 

Dabei stellten sie fest, dass „die Betonung der nationalen Identität […] im Privaten kaum eine Rolle“* spielte. „Die Abwertung anderer, insbesondere von Migranten, [sei vielmehr] eine Folge eigene[r] Abwertungserfahrung[en|““*, so Hillje. Unsichere Arbeitsbedingungen und die Angst davor, dass der Betrieb, bei dem man beruflich angestellt ist, schließen könnte, machen den Menschen Sorgen. Zu beobachten, dass der letzte Supermarkt im Umkreis von 15 km schließt und im Winter die Straßen nicht mehr geräumt werden, erzeugt Unmut. Man fühlt sich abgewertet! Und nicht nur der zunehmende Wegfall der Sozial- und Verkehrsinfrastruktur, sondern auch die immer weiter zunehmende Jagd nach der perfekten Biografie lässt bei vielen Menschen das Gefühl entstehen, abgehängt worden zu sein. Wer lässt sich nicht dazu verleiten, sein Leben bei der einen oder anderen Gelegenheit mit anderen Lebensentwürfen zu vergleichen, zum Beispiel im eigenen Freundes- und Bekanntenkreis oder auch beim Nutzen von Social Media?! Da kann es schon passieren, dass das Gefühl entsteht, im Vergleich zu anderen mit seinem Leben verlassen dazustehen. Scheinbar war man nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort, wie die anderen, die scheinbar so viel mehr aus ihrem Leben gemacht haben! Wer sich auf diesen Gedanken einlässt, der fühlt sich schnell von aller Welt verlassen. 

Da entsteht Unmut. 

Keine Lust auf morgen… 

nur heute und gestern 

und Sorgen!

Ein Gefühl, dass nicht nur Teile Deutschlands und Frankreichs kennen, sondern auch große Teile Europas. Das haben die Wahlergebnisse der Europawahl vor kurzem deutlich gezeigt. Da besteht bei vielen nur wenig Hoffnung auf morgen, auf ein Europa der vereinten Völker mit gleichberechtigten Lebensmöglichkeiten.

„Ein Gespenst geht um in Europa“ – mit diesem Satz begannen einst Karl Marx und Friedrich Engels ihr „Kommunistisches Manifest“. Und meinten damit das Gespenst des Kommunismus. Ein Geist, der Europa im 19. Jahrhundert an vielen Ecken erfasste. Und heute? 

Heute müssen wir uns wohl vor einem ganz anderen Gespenst in Europa fürchten – dem Gespenst des Verlassenseins! Viele Menschen fühlen sich verlassen, viele fühlen sich abgewertet in ihrem Dasein, in ihrem Leben. Und um diese Abwertung überhaupt noch zu ertragen, übertragen einige von ihnen das Gefühl abgewertet zu sein auf andere, auf Schwächere und Fremde, eben auf Migranten. Angestachelt durch einige Wenige werten sie nun diese „anderen“ ab. So werden Hetze und Hass auf dem Gefühl von Verlassenheit gesät.

Ein Gespenst geht um in Europa. Das Gespenst des Verlassenseins. Und das nicht nur in gesellschaftlichen Fragen, sondern auch ganz privat.

Auf der Internetseite netmoms.de schreibt der männliche User mit dem Nicknamen „Gedankenvoll“:

„Meine Partnerin fühlt sich in Zeiten der Überforderung und damit verbundene[r] Übermüdung oft alleine gelassen oder auch einsam. Obwohl wir versuchen viel miteinander zu reden und den Alltag nicht Alltag sein zu lassen, bemühen wir uns um ausreichend Zeit zum Reden und [darum] einander zu[zu]hören. […] Für mich selbst habe ich schon (glaube ich zumindest) herausgefunden, […] was das Gefühl des Sich-alleine-fühlens betrifft, dass ich [mich] nach einem langen Arbeitstag oder nach vielen Erlebnissen des Tages schwer tue, immer richtig zuzuhören oder selbst noch über meine Gedanken zu sprechen. Ist es Euch mit Eurem Partner, [Eurer Partnerin] schon mal ähnlich gegangen und wie habt ihr es geschafft, dieses ‚Problem‘ mehr oder weniger endgültig aus dem Weg zu räumen? Es zerfrisst mich manchmal innerlich nicht zu wissen, wie ich diese Gedanken/Gefühle bei meiner Partnerin in etwas Positives verändern kann.“**

Ein Gespenst geht um in Europa. Nicht nur in der Gesellschaft. Auch unter den Paaren, den Familien und den allein lebenden Menschen taucht es auf: Das Gespenst des Verlassenseins! Es spukt auch in der Beziehung von User „Gedankenvoll“ und seiner Freundin. Es bestimmt das Leben vieler Menschen und Familien: Es bestimmt das Leben von Menschen, die von ihrem Partner verlassen werden, von Menschen, deren Partner verstorben ist. Von Kindern, die entfernt von Mama oder Papa leben müssen. Dieses Gespenst bedroht Beziehungen, Familien und Gesellschaften und raubt Menschen den Lebensmut. Was lässt sich nur tun gegen dieses Gespenst? Was lässt sich tun gegen dieses Gefühl des Verlassenseins, dass Menschen den Lebensmut raubt? 

Auch den Anhängern Jesu war damals aller Lebensmut vergangen. Gerade erst hatten sie wieder Mut gefasst. Gerade erst hatten sie wieder Hoffnung geschöpft, als sie nach der Kreuzigung Jesu von seiner Auferstehung erfahren hatten. Doch nun war ihnen ihr ganzer Mut wieder verflogen. Ihnen fehlten die Begegnungen mit Jesus, das gemeinsame Leben mit ihm, das ihrem Leben Geltung verschaffte, seine Worte, die ihnen Hoffnung für die Zukunft machten. Der, der ihnen Mut machte, der, der sie erwartungsvoll in die Zukunft schauen ließ, war nun nicht mehr da. Wie sollte es nun weitergehen? Sie fühlten sich verlassen.

Ein Gespenst ging um unter den Anhängern Jesu, das Gespenst der Verlassenheit. 

Doch blieb es nicht dabei. Wie wir heute wissen, fanden die Jüngerinnen und Jünger wieder ihren Mut, gingen nach draußen und begannen auf unterschiedlichste Weise von der Botschaft Jesu zu erzählen. Diesen Moment, an dem die Jünger wieder Mut fassten, den nennen wir Pfingsten! 

Dieser Moment, von dem an die Botschaft von Jesus nun nicht mehr von ihm selbst, sondern durch seine Anhänger weitergetragen wird, das ist Pfingsten. 

Es ist der Moment, in dem die christliche Kirche entsteht, weil Menschen ihren Lebensmut zurückgewinnen und diesen Lebensmut an andere weitergeben wollen!

Doch wie haben die Anhänger Jesu nur wieder zu ihrem Lebensmut zurückgefunden? Wo findet man neuen Lebensmut, wenn man sich von aller Welt verlassen fühlt? Wie findet man wieder eine Perspektive für sein Leben, wenn das Gespenst der Verlassenheit im eigenen Leben umhergeht und einem den Mut raubt, nach vorne zu blicken?

Die Antwort? Mit einem Geist, der anders als das Gespenst der Verlassenheit nicht bedrohlich im Leben der Menschen, der nicht bedrohlich in unseren Gesellschaften herumspukt und den Menschen dadurch die Freude am Leben nimmt.

Sondern mit einem Geist, der selbst das Leben ist! Nämlich Gottes Geist, der in jeder einzelnen Zelle unseres Körpers atmet, der jede und jeden von uns leben lässt. Und der darum als ein Zeichen für die Liebe Gottes entdeckt werden kann. Der, sobald einem dieses bewusst wird, das Zeug dazu hat das eigene Leben zu verändern, weil er einem wie Jesus damals die Gegenwart und Zukunft von der Liebe Gottes her erschließt. Ein Lebensgeist, der zum Heiligen Geist werden kann, sobald er einem als Liebe Gottes bewusst wird.

Das Christentum kennt seit seinen Anfängen ein Ritual, das diese enge Verbindung des menschlichen Lebens mit Gott sichtbar machen will: Die Taufe. Schon Jesus selbst hat sich taufen lassen, um diese ganz direkte Verbindung mit Gott bewusst zu erleben. Im Fluss Jordan wurde er damals von Johannes dem Täufer im Wasser untergetaucht, um dann wieder spürbar mit Gott verbunden aufzutauchen. Denn das Taufwasser wäscht symbolisch alles ab, was uns von dem Gedanken trennt, dass Gott der Ursprung dieser Welt und meines Lebens ist und dass Gott dieser Welt mit Liebe begegnet. Und zugleich steht das Wasser bei der Taufe mit seiner erfrischenden Wirkung für das Leben mit all’ seiner Kraft und all’ seinen Möglichkeiten. Es steht für den göttlichen Geist, der alles was lebt durchströmt. Für den Geist der jede und jeden von uns leben lässt und der als Zeichen für die Liebe Gottes entdeckt werden kann. Und der damit für uns zum Heiligen Geist wird, zu einem pulsierenden Teil Gottes in uns selbst! Das ist es, was das Ritual der Taufe schaffen kann. Es bringt Gott und mein Leben zusammen. Es macht mir Gott als einen Teil meines Lebens bewusst. 

Auch die vorhin gehörte Abschiedsrede Jesu an seine Jüngerinnen und Jünger, kurz vor seinem Tod, diente dazu ihnen bewusst zu machen, dass sie nach dem Tod Jesu nicht völlig verlassen wären, sondern dass sie immer mit Gott verbunden sind:

„Gott wird euch an meiner Stelle einen anderen Beistand geben, einen, der für immer bei euch bleibt. Das ist der Geist der Wahrheit. […] Der Vater wird euch den Beistand schicken, der an meine Stelle tritt: den Heiligen Geist. Der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich selbst euch gesagt habe.“ (Joh 14,16-17.26)

Gegen diesen Geist des Lebens hat das Gespenst der Verlassenheit keine Kraft. Denn der Geist Gottes lässt Menschen vertrauensvoll leben. Und wer sich geliebt fühlt, kann auch Liebe an andere weitergeben! Und darum beginnen die Jüngerinnen und Jünger an jenem ersten Pfingsttag auch nicht nur damit, anderen von Jesus und seiner Botschaft vom liebenden Gott zu erzählen, sondern sie beginnen auch damit, Menschen zu taufen: 

Damit diese ihre Verbindung zu diesem liebenden Gott am eigenen Leib erfahren können. Damit diese ihren Lebensgeist als Geist Gottes empfinden und damit geliebt, frei, mutig und fröhlich leben können.

Denn der Geist Gottes ist das Gegenteil von Angst, Hass und Hetze. Der Geist Gottes ist Mut und Liebe. Mit ihm können wir unser Leben gestalten; unser eigenes, unsere Beziehung und Familie und auch unsere Gesellschaft. In diesem Geist lasst uns aufstehen gegen die Gespenster, die diese Welt, diesen Kontinent und unsere Beziehungen in Atem halten. Damit es eines Tages von überall her heißen wird:

Ein Geist geht um in Europa. Der Geist Gottes!https://www.ksta.de/politik/studie-menschen-in-afd-hochburgen-fuehlen-sich-von-der-politik- alleingelassen-29874634. abgerufen am 7.6.2019.

* https://www.ksta.de/politik/studie-menschen-in-afd-hochburgen-fuehlen-sich-von-der-politik- alleingelassen-29874634. abgerufen am 7.6.2019.

**https://www.netmoms.de/fragen/detail/sich-alleine-oder-einsam-fuhlen-trotz-partner- wie-fuhlt-sich-das-bei-euch-wie-habt-ihr-einen-weg-gefunden-22206079, abgerufen am 7.6.2019.

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