Die Zeit ist knapp! Ein Satz, den man im 21. Jahrhundert nicht selten zu hören bekommt. Die Zeit ist knapp! Wer stöhnt heute nicht darüber, dass sie bzw. er zu wenig Zeit hat:
Nein, gerade kann ich nicht! Ruf mich bitte später an. Oder besser morgen. Da hab ich zwischen 3 und 4 noch etwas Zeit übrig – Oh ja. Die Zeit ist knapp!
Oder: Mach bitte etwas schneller! Ich hab keine Zeit mehr. Ich muss zum nächsten Meeting. – Oh ja. Die Zeit ist knapp.
Oder: Wenn ich meinen Terminkalender so sehe, wird das vor nächsten Mittwoch auf keinen Fall was. Aber am Mittwoch könnte ich den Termin eventuell dazwischenschieben. – Oh ja. Die Zeit ist knapp.

In unserem 21. Jahrhundert ist die Zeit scheinbar besonders knapp. Alle haben viel zu tun. Scheinbar jeder hat einen vollen Terminkalender. Kaum jemand, der nicht mit Terminen beladen ist, sei es beruflich oder privat. Noch nie haben wir versucht, so viele Rollen gleichzeitig zu erfüllen. Unseren Beruf auszuüben, zugleich liebender Partner, eine sorgende Mutter oder ein sorgender Vater zu sein. Gleichzeitig eine beste Freundin zu sein, die immer ein offenes Ohr für ihre Freunde hat und gerne etwas gemeinsam mit ihnen unternimmt und nicht zuletzt ein interessierter Mensch zu sein, der gerne reist, Neues kennenlernt, ein buntes Freizeitleben hat, das er bzw. sie in vollen Zügen genießt. Ein Leben, von dem es sich lohnt zu berichten. Das mitspielen kann im Hochglanzprospekt heutiger Lebensentwürfe, der in den Social Media wie Instagram, Facebook und Co. jederzeit abrufbar ist und uns in den Berichten anderer vor Augen gehalten wird. Alles drin in diesen Lebensentwürfen. Nichts zu erkennen davon, dass die Zeit knapp ist. Und wo jemand dann doch davon berichtet, dass die Zeit knapp ist, dient dies meist doch dazu, aufzuzeigen, dass man mit der knappen Zeit gut umzugehen weiß. Die Zeit ist knapp, nicht zu knapp, sondern knapp. Das ist modern. Scheinbar. Und zwar egal welches Alter man hat. Während all diejenigen, die ihren Unterhalt verdienen, sowieso von beruflichen und privaten Terminen eingenommen sind, sind die Terminplaner der Ruheständler nicht minder gefüllt: Treffen mit Freunden, Reisen, sich um die Enkelkinder kümmern, Arzttermine. Und selbst Kinder und Jugendliche verfügen im 21. Jahrhundert über eine früher ungeahnte Termindichte und typische Managerkrankheiten sind selbst bei Viertklässlern keine Seltenheit mehr. Die Zeit ist knapp. Heute mehr denn je. Und zu einem guten Leben scheint dies heute dazu zugehören, dass die Zeit knapp ist.
Auch zur Zeit von Paulus, einige Jahre nach der Kreuzigung von Jesus, war die Zeit für einige Menschen knapp. Aber aus ganz anderen Gründen, und Paulus zog auch einen ganz anderen Schluss aus der Zeitknappheit, als wir es heute in den meisten Fällen tun. Paulus rechnete, wie die meisten Christinnen und Christen nach dem Tod Jesu und seiner von zahlreichen Jüngern bezeugten Auferweckung aus dem Tod, mit einem baldigen Weltende und damit dem Beginn der erlösten Welt. Darauf galt es sich einzustellen. Aber nicht, wie wir es heute tun, wenn wir auf unser täglich näher rückendes persönliches Ende auf dieser Welt blicken. Je mehr ich meinen eigenen Tod als absolutes Ende vor Augen habe, je mehr ich bei anderen sehe, was die alles aus ihren durchschnittlich 80 Jahren auf diesem Planeten machen, desto eher fühle ich mich gedrängt, auch möglichst viel daraus zu machen. Möglichst viel muss scheinbar in mein Leben hinein, damit es am Ende als erfülltes Leben gelten kann – dabei kann es so am Ende vielleicht eher als überfülltes Leben gelten. Ich bin Teil von all dem was ich tue. Denn das was ich tue, das macht mich ja aus. So bin ich am Ende nur ein Konglomerat aus dem, was ich in meinem Beruf, mit meiner Partnerin, mit meiner Familie, was ich mit Freunden und privat so alles tue. Und vor allem bin ich ein Getriebener. Aber… Ist es das was ich sein will? Ein Getriebener? Ein gut durchdesignter Mensch des 21. Jahrhunderts? Eine Biographie, die sich gut macht neben all den anderen Biographien? Die mehr Klicks bekommt als die anderen? Die mich beim Klassentreffen über andere erhebt? Will ich das sein? Bin ich das? Ist es ratsam, wenn die Zeit knapp ist noch mehr zu tun, um noch mehr zu sein? Oder verliere ich auf diese Weise nicht sogar das, was mich ausmacht?
Paulus schreibt: Aber eins muss ich euch sagen, Brüder und Schwestern: „Die Zeit ist knapp. Künftig gilt: Wer eine Frau hat, soll so leben, als hätte er keine. Wer weint, soll sich nicht von der Trauer gefangen nehmen lassen. Wer sich freut, soll sich nicht in der Freude verlieren. Wer etwas kauft, soll es nicht festhalten wollen. Und wer die Dinge dieser Welt benutzt, soll gut auf sie verzichten können. Denn die Welt, so wie sie ist, vergeht.“
Was für Sätze. Paulus fordert also in Anbetracht von knapper Lebenszeit genau das Gegenteil von dem, was wir heute gemeinhin tun! Nämlich weniger tun, statt mehr. Und weil er damit rechnete, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis die Welt untergeht, fallen die Beispiele für dieses Weniger-Machen umso härter aus. Wer eine Frau hat, sollte so leben als hätte er keine. Heute ließe sich ergänzen, wer einen Mann hat, sollte so leben als hätte sie keinen. Und wer etwas kauft, soll es nicht festhalten wollen. Paulus ist in Anbetracht des bald vergehenden Lebens davon überzeugt: Nur wenn wir uns nicht bis ins Letzte von all dem bestimmen lassen, was zum Leben in dieser Welt gehört, finden wir wirklich zu uns selbst.
Nun hat Paulus sich geirrt. Die Welt ist nach der Kreuzig Jesu nicht bereits nach ein paar Jahren oder Jahrzehnten untergegangen. Vielmehr hat sich die lebensfördernde Botschaft Jesu in dieser Welt verbreitet und ist in viele Bereiche der Gesellschaft vorgedrungen und hat diese positiv beeinflusst. Ohne, dass ihre christliche Herkunft den meisten Menschen heute noch vor Augen stünde, ist der wertschätzende und liebende Umgang mit dem Nächsten, ist die Überzeugung, allen Menschen gleiche Rechte zuzugestehen in vielen Teilen unserer Welt selbstverständlich geworden. Auch wenn diese christliche Überzeugung, insbesondere in den letzten Jahren, immer wieder gefährdet ist. Vielleicht gerade weil sie uns so selbstverständlich ist.
Die Welt ist nicht untergegangen und kaum jemand rechnet heute noch mit einem baldigen Weltende. Doch fürchten fast alle Menschen ihr persönliches Ende auf dieser Welt. Die Zeit ist auch heute knapp. Und darum haben die Worte von Paulus auch heute ihre Bedeutung:
„Aber eins muss ich euch sagen. Brüder und Schwestern: Die Zeit ist knapp. Künftig gilt: Wer eine Frau hat, soll so leben, als hätte er keine. Wer weint, soll sich nicht von der Trauer gefangen nehmen lassen. Wer sich freut, soll sich nicht in der Freude verlieren. Wer etwas kauft, soll es nicht festhalten wollen. Und wer die Dinge dieser Welt benutzt, soll gut auf sie verzichten können. Denn die Welt, so wie sie ist, vergeht.“
Was können einem diese Sätze heute nun sagen: Soll ich mich nicht mehr um meine Ehe bemühen? Soll ich mich nicht mehr ausgelassen freuen? Nein, so ist das nicht gemeint. Was Paulus meint ist:
Nur wenn wir uns nicht bis ins Letzte von all dem bestimmen lassen, was zum Leben in dieser Welt gehört, finden wir wirklich zu uns selbst.
Nur wenn wir nicht neuen Statussymbolen hinterherhetzen, dem neuen Kleid, dem neuen Auto oder anderen Dingen, haben wir eine Chance zur Ruhe zu kommen und wirklich über uns nachdenken zu können, feststellen zu können, was uns wirklich ausmacht. Darum fordert Jesus auch den reichen jungen Mann im heute gehörte Evangelium auf, all seinen Besitz abzugeben. Eine schwierige Aufgabe, an der man eigentlich nur scheitern kann. Und doch sind es ganz oft materielle Dinge, die uns zum Klotz am Bein werden können. Die vollgeräumten Schubladen, die nicht mehr richtig aufgehen. Die Autos und anderen Fahrzeuge, die regelmäßig gewartet werden müssen. Die zu groß gewordene Wohnung, in der ich mit dem Putzen nicht mehr hinterherkomme. Ein Zuviel an Dingen kann zur Last werden. Und es kann uns von uns selbst entfernen, weil wir nur noch für diese Sache leben und uns vielleicht gar nicht mehr ohne diese Sache vorstellen können.
Nur wenn wir in unserem Leben nicht von einem Vergnügen zum Nächsten jagen, haben wir überhaupt die Möglichkeit, auch die Tiefe unseres Lebens zu spüren. Die Schwere und die Bedeutsamkeit einer melancholischen Stimmung wahrzunehmen und die Leichtigkeit, wenn man wieder aus dieser Stimmung auftaucht. Und genauso bedeutsam ist es, sich nicht von Trauer und Traurigkeit einnehmen zu lassen. Denn auch Trauer ist nur ein Teil unseres Lebens. Es gibt eine Zeit zum Weinen, aber auch wieder eine Zeit zum Lachen.
Und nur wenn wir nicht unsere ganze Zeit darein setzen, ein perfektes Leben zu führen. Die Karriereleiter noch eine Sprosse höher zu steigen, noch mehr Zeit mit Freunden zu verbringen, noch mehr Unternehmungen zu machen, während man eine perfekte Partnerschaft und vorbildliches Familienleben führt. Nur wenn wir nicht kontinuierlich an einem perfekten Leben arbeiten, haben wir erst die Zeit, haben wir erst die Chance, uns selbst zu finden.
Unser Leben, jeder von uns ist mehr als das, was er oder sie in dieser Welt zustande bringt, was er oder sie erwirbt oder was er oder sie erlebt. Gerade weil unsere Lebenszeit knapp ist, weil es gar nicht so leicht ist, alles was man erreichen könnte auch wirklich zu erreichen. Gerade weil man den Überblick über sein Leben durch alles, was einen einnimmt, immer wieder zu verlieren droht. Gerade darum ist es so wichtig, nicht nur Zeit in die Perfektionierung des eigenen Lebens zu stecken und zu versuchen, alles zu schaffen, sondern sich Zeit zu nehmen, um einmal nichts zu tun. Nichts zu erreichen, nichts zu erwerben und nichts zu erleben. Sondern einfach nur da zu sein. Zeit zu haben, darauf zu schauen, was uns unser Leben bedeutet, worauf es uns wirklich ankommt in diesem Leben, was wir darin wirklich brauchen. Zeit zu haben zu uns selbst zu finden.

1 Kommentar

  1. Wiebke

    „Nur wenn wir uns nicht bis ins Letzte von all dem bestimmen lassen, was zum Leben in dieser Welt gehört, finden wir wirklich zu uns selbst.“
    Starker Satz. Seit Jahren frage ich mich wie man dahin gelangen kann, sich das zu Eigen zu machen. Dorthin zu kommen, dass der eigene Alltag einen Stempel trägt von der Welt Gottes in der es nicht in erster Linie um die im Beitrag sehr anschaulich dargestellten Ziele unserer Gesellschaft geht. Ein guter Vorsatz reicht jedenfalls nicht und der Blick Richtung Kreuz um 7.15Uhr hält gefühlt immer nur bis Arbeitsbeginn um 7.30Uhr an. Außerdem kann das Streben nach „Mehr von Jesus“ selbst auch wieder schnell zu einer frommen Marathon werden (heute schon Bibel gelesen?!).
    Aber vielleicht ist dieses täglich Ringen um mehr Platz für Jesus im Leben auch Teil eines jeden Glaubenslebens in dieser „Zwischenzeit“. Wäre trotzdem spannend zu hören, wie andere damit umgehen? Habt ihr sowas wie „Rituale“ für die Zeiten zum Nichtstun und Dasein?

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