„Der Mond ist aufgegangen,
die goldnen Sternlein prangen
am Himmel hell und klar.
Der Wald steht schwarz und schweiget
und aus den Wiesen steiget,
der weiße Nebel wunderbar.“

So haben wir es gerade gesungen. Dieses vielleicht berühmteste deutsche Abendlied, geschrieben von Matthias Claudius am Anfang des 19. Jahrhunderts. Ein Lied, das uns den Abend regelrecht vor Augen malt. Mit allem, was dazu gehört: Dem Mond und funkelnden Sternen. Dunkelheit, die, sich über den Wald und die Landschaft legt. Einem klaren Nachthimmel und kaltem feuchten Nebel, welcher aus den vom Tag erwärmten Wiesen aufsteigt. Es ist ein Lied, das den Abend um uns ausbreitet. Ein Lied, das uns den Abend fast wortwörtlich be-greifen lässt, mit seiner feuchten und kühlen Luft den Wiesen und Wäldern, den funkelnden Sternen, die man mit den Händen greifen möchte und dem Mond, der wie der Vater über dieser Abendszene zu stehen scheint.

„Seht ihr den Mond dort stehen,
er ist nur halb zu sehen,
und ist doch rund und schön.“

Stimmungsvoll ist das Lied von Matthias Claudius. Ein regelrechtes „Abendportrait“. Ein Lied, das den Abend zelebriert. Das mich andächtig in den Wiesen stehen und die goldnen Sternlein und den aufgegangenen Mond betrachten lässt. Im Lied von Matthias Claudius wird der Abend nicht nur angezeigt, wie auf einer Uhr, die mit ihren Zeigern deutlich macht, dass es schon wieder 18:15 Uhr ist. Nein, im Lied von Matthias Claudius, wird der Abend erlebbar und mit ihm der große Sinn, der hinter allen Dingen liegt!

„Seht ihr den Mond dort stehen,
er ist nur halb zu sehen,
und ist doch rund und schön.
So sind gar manche Sachen,
die wir getrost belachen,
weil uns‘re Augen sie nicht seh’n.“

Der Mond lässt uns erahnen, dass es mehr auf dieser Welt gibt als unser bloßes Auge erkennen kann, so Matthias Claudius. Mal ist er nur als Sichel, mal halb, mal gar nicht zu sehen und doch ist er „rund und schön“. Und etwa alle 29 Tage, da zeigt er sich in seiner ganzen Fülle. Bei Vollmond reicht ein flüchtiger Blick aus, um die Fülle des Mondes zu erkennen. An allen anderen Tagen bleibt uns nur übrig, uns in die Wiesen zu stellen, die Mondsichel in genauen Augenschein zu nehmen, sie auf uns wirken zu lassen und die Fülle des Mondes zu erahnen.

„Seht ihr den Mond dort stehen,
er ist nur halb zu sehen,
und ist doch rund und schön.“

Ich liebe diese Strophe aus dem Abendlied von Matthias Claudius, weil sie den Mond zum Symbol für den tiefen Sinn macht, der in dieser Welt steckt. Ein Symbol, das uns so gut wie jeden Tag vor Augen steht und uns ahnen und hoffen lässt, dass hinter der Existenz unserer Welt und meines Lebens mehr steckt, als es oft den Anschein hat. Dass mein Leben mehr ist als ein bloßer Zufall, mehr als die bloße Zusammenkunft von Molekülen, die sich eines Tages wieder lösen wird, sondern das etwas Größeres dahinter steckt. Dass mein Leben ein entscheidender Teil dieser von Gott geschaffenen Welt ist. Dass Gott genau mich hier gewollt hat. Selbst die kleinste Ahnung von diesem größeren Zusammenhang allen Lebens, zu dem ich gehöre, verändert meine Wahrnehmung von meinem Leben. So wie schon die schmalste Mondsichel nach Neumond dafür sorgt, dass die Nacht nicht mehr so furchtbar schwarz ist. Diese Ahnung eines tieferen Sinnes der hinter allen Dingen liegt, diese Ahnung einer von Gott bewusst so gewollten Welt, lässt mich mein Leben anders leben, als wenn ich davon ausgehe, dass mein Leben, dass alles hier Zufall ist. Wer mit der Ahnung von etwas Großem durch sein Leben geht, der sieht im Mond nicht nur „ein kompaktes natürlich entstandenes astronomisches Objekt, das sich in einer Umlaufbahn um ein anderes, deutlich massereicheres Objekt befindet“ und „in durchschnittlich 27 Tagen, 7 Stunden und 43,7 Minuten […] von Westen nach Osten die Erde im gleichen Drehsinn, mit der die Erde um ihre Achse rotiert“, umläuft; wie es die Online-Enzyklopädie Wikipedia zusammenfasst. Sondern der kann sich am Mond erfreuen und sich von ihm berühren lassen. Wer mit der Ahnung von etwas Größerem durchs Leben geht, der kann zwar auch den Mond als einen Erdtrabanten bestimmen, aber kann in ihm auch ein Zeichen für den größeren Sinn, der hinter allen Dingen liegt, erkennen und sich von diesem Gefühl, ein Teil dieses größeren Sinnzusammenhangs zu sein, erfassen lassen. Ist das nicht ein wunderbares Geschenk, dass uns als Menschen die Begabung mitgegeben wurde, die Welt mit diesen Augen zu sehen, die in ihr mehr erahnen, als man zunächst erkennen kann. Eine Begabung, die uns mit einer großen Freude und Dankbarkeit durch das Leben gehen lassen kann. Eine Begabung, die uns als Teil dieses großen Ganzen auch über schlechte Zeiten hinwegträgt. Eine Begabung, die uns als Menschen mit unserem Schicksal verbunden sein lässt, die uns mit anderen lachen und mit anderen weinen lässt. Eine Begabung, die uns auf-leben lässt.

Friedrich Schleiermacher, der berühmteste evangelische Theologe des 19. Jahrhunderts, dessen 250. Geburtstag
wir am heutigen Tage feiern, bezeichnet diese Begabung als unsere natürliche „Anlage zur Religion“. Es ist diese Begabung, einen größeren Sinn hinter dieser Welt und dem eigenen Leben zu erkennen, uns davon berühren und leiten zu lassen, die uns als Menschen auszeichnet. Es ist diese Ahnung von Sinn, die unser Leben verändern und vertiefen kann, die uns danach streben lässt, friedlich miteinander zu leben und am Tod, auf den wir alle zugehen, nicht zu verzagen. Denn die Ahnung von einem größeren Sinnzusammenhang meines Lebens macht Hoffnung, dass eben auch mehr hinter den Tod steckt, als ein jähes Ende. Es ist unsere Anlage zur Religion, die uns zu Wesen macht, die mehr erahnen können als sie sehen. Es ist diese religiöse Sichtweise auf das Leben, der Glaube daran, dass es etwas Göttliches gibt, aus dem wir und alles um uns herum entsprungen ist, die uns mit dieser besonderen Freude das Leben leben lässt, wie sie der Psalmbeter im vorhin gehörten Psalm 104 zum Ausdruck bringt:

„Lobe Gott, meine Seele!
Mein Gott, wie groß du bist!
Du spannst den Himmel aus wie ein Zeltdach.
Den Mond hast du für die Festzeiten gemacht.
Wie zahlreich sind deine Werke, Gott.
In Weisheit hast du sie alle gemacht.
Ich, ja, ich freue mich über Gott.“

Es ist die religiöse Sichtweise auf unser Leben, die uns zugleich Kraft schenken kann, Herausforderungen zu bestehen, die uns hilft an Idealen festzuhalten, die der Menschheit und unserer Welt dienen. Und die uns hoffen lässt, auch wenn sich gerade alles um uns verdunkelt. Es ist diese religiöse Sichtweise auf unser Leben, die uns wie eine Mondsichel auch noch in der tiefsten Nacht etwas von einem größeren Sinn in dieser Welt ahnen lässt. Die uns trösten und stark machen kann.
Aber nicht immer ist es leicht, den größeren Sinnzusammenhang hinter allem zu erkennen. Nur selten gibt es Vollmondnächte, oft verfügen wir nur über das kleine Licht der Mondsichel, das uns etwas von dem großen Sinn ahnen lässt und manchmal zeigt sich nicht einmal die schmalste Mondsichel. Dann ist Neumond und die Ahnung von dem großen Sinnzusammenhang dieser Welt verschwindet vielleicht sogar ganz aus unserem Leben. Mein Leben und das der anderen erscheint nicht mehr als Geschenk eines uns liebenden Gottes. Und wenn es schlecht läuft, gehe ich genauso auch mit mir und mit den anderen um. Dann wird gefordert statt zugestanden. Auf das Recht verwiesen statt verziehen, genutzt statt geliebt. Nur wenn wir uns und die anderen als Teil der von Gott gewollten Menschheit ansehen, nur wenn wir diese Welt als Geschenk wahrnehmen, nur wenn wir unsere religiöse Brille vor Augen nehmen, nur dann haben wir die Chance, dass das Licht über die Dunkelheit siegt, die Ahnung über die Gleichgültigkeit und die Liebe über den Hass. Dann gibt es die Chance, dass unser menschliches Leben so zur Geltung kommt, wie Gott es gewollt hat!
Am Buß- und Bettag machen wir uns das immer aufs Neue bewusst, lassen all’ das hinter uns, was uns im vergangenen Jahr dabei gehemmt hat, uns unserer religiösen Anlage zu bedienen, was uns gehemmt hat, den großen Sinn hinter allen Dingen zu sehen, dementsprechend zu leben und zu handeln. Und wir machen uns bewusst, dass wir in den Geschichten von Jesus von Nazareth einen Menschen vor uns haben, der uns vorgelebt hat, wie man in allen Lebenslagen sich die Ahnung an einen Gott, der diese Welt liebt, erhalten und sich davon inspirieren lassen kann.
Einen Menschen, der immer ganz bei Gott geblieben ist und dadurch voll und ganz Mensch war. Einen Menschen, der uns alle etwas von dem großen Sinnzusammenhang dieser Welt ahnen lässt.
Der Buß- und Bettag ist ein Tag gegen die Gleichgültigkeit, mit der man auf das Leben schauen kann. Er ist ein Tag für den größeren Sinn. Am heutigen Tag putzen wir die Brillengläser unserer religiösen Brille, wischen alles ab, was uns die Sicht auf den großen Sinn hinter den Dingen versperrt. Heute beginnen wir von Neuem zu ahnen. Wir stellen uns in die Wiesen, aus denen der weiße Nebel schon wunderbar aufsteigt und beginnen die goldenen Sternlein und den Mond zu betrachten, und vielleicht entdecken wir sie tatsächlich:

Die Unendlichkeit!

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