Fortsetzung des ersten Teils:

Ich mache einen Abstecher in die Stadt hinein, vorbei am Marktplatz, wo die Statuen von Luther und Melanchthon das bunte Treiben um sie herum zu beobachten scheinen. Menschen mit Kirchentagsschal singen die Lieder aus dem Gesangbuch zum Kirchentag. Von hier aus lohnt ein Blick in die Marktkirche mit ihrem wunderschönen Altar, der von Lucas Cranach gestaltet wurde. Ein Freund Luthers, der in seiner Druckerwerkstatt dafür sorgte, dass seine Schriften mit hohen Auflagen verteilt werden konnten und damit die Reformation in Gang brachte. Es tut gut, in der Marktkirche nach dem Gesehenen ein wenig innezuhalten, die Predigtstätte Luthers auf sich wirken zu lassen.

 

 

Es geht weiter entlang der Gassen, bis ich vor einem Ladenlokal der etwas anderen Art stehe. Erlebniswelt Taufe steht vorne dran. Das ist das Thema, mit dem die Landeskirche Hannovers in Wittenberg zu Gast ist. Eine freundliche Dame geleitet mich in einen blauen Raum. Ein bisschen wie ein Raumschiff. Man setzt sich in bequeme Sessel oder legt sich hin. Über mir steht: „Du bist mein geliebtes Kind“ – der Satz Gottes, der über Jesu Taufe stand. Auf kleinen Bildschirmen kann ich mich über die Taufe informieren und auf einem alten Tisch haben Menschen mit Kreide hinterlassen, was ihnen die Taufe für ihr Leben bedeutet. Ich gehe in einen zweiten Raum. Hier umgibt mich eine Leinwand. Ich werde in Wasser hineingezogen, spüre für was es stehen kann, dass ich ein Teil dieses Ganzen bin und es ein Teil von mir ist. Einen Raum weiter stehe ich vor einem alten und gewaltigen Taufbecken und werde an meine Taufe erinnert. Ein bewegender Besuch!

 

 

Ich ziehe weiter in den nächsten Torraum mit dem Titel ‚Ökumene und Religion‘. Hier findet man ein wachsendes Reformationsdenkmal. Der lutherische Weltbund hat weltweit Kirchen dazu eingeladen, einen Baum in Wittenberg zu pflanzen. Rund 400 Bäume sind es bisher geworden. In ihrer Mitte schwebt ein Stahlkreuz, von dem aus sieben Wege ausgehen. Jeder dieser Wege steht für einen Kontinent. Mitten aus dem diesem grünen Torraum ragt ein Riesenrad hervor. Es steht für das Leben, in dem es manchmal auf- und manchmal abwärts geht und in dem es oft gut tut, eine Begleitung zu haben. Mit der Seelsorge bietet die Kirche eine solche Begleitung für traurige, aber auch frohe Lebenspassagen an. Darum kann man eine Fahrt in diesem Lebens-Riesenrad auch zusammen mit einer Seelsorgerin oder einem Seelsorger machen. Meine Wege führen mich vorbei an einem Stand des House of One, einem Projekt aus Berlin, dass die drei Weltreligionen Christentum, Islam, Judentum in einem Gotteshaus vereinen will. Und ich komme vorbei am Gasthaus Ökumene, wo es zahlreiche Veranstaltungen über die Möglichkeiten der Ökumene gibt. Reformation heißt, sich über seine Religion zu vergewissern und auszutauschen!

 

 

Der letzte der sieben Torräume wartet auf mich. Westlich der Altstadt gelegen zieht er sich von der Schlosskirche, in der Luther und Melanchthon begraben sind, bis in den Norden der Altstadt. Sein Thema ist die ‚Kultur‘. Zuvor mache ich noch einen kleinen Abstecher zur Ausstellung ‚Luther und die Avantgarde‘. In den Zellen des alten Gefängnisses der Stadt stellen zeitgenössische Künstler aus Deutschland und der Welt aus, was Reformation für die heutige Welt bedeutet. Spannende Exponate zeigen, wie vielfältig Reformation auch heute verstanden werden kann. Wieder im Tageslicht begebe ich mich in den Torraum Kultur. Ein traumhafter hängender Garten erwartet mich gleich zu Beginn. Die Sehnsucht nach dem Paradies soll hier geweckt werden. Man kommt aber nicht direkt hinein, sondern kann nur darunter durchlaufen. Aber es ist möglich den einen oder anderen Blick auf den paradiesischen Garten zu erhaschen.

 

 

Während auf dieser Seite des Torraums das Paradies sichtbar wird, wird auf der anderen Seite des Torraums sichtbar, dass unsere Welt an vielen Stellen wenig paradiesisch ist. Der Verein Listros, der sich für Kinder als SchuhputzerInnen in Äthiopien einsetzt, ist mit einem Kubus aus ausgemusterten Schuhputzkästen in Wittenberg vertreten und lädt zugleich ein eine Nachricht an die Welt an ihrem Kubus zu hinterlassen.

 

 

Mitten im Torraum sind die reformierten Kirchen der Schweiz mit einer Buchdruckerpresse zu Gast und erzählen, wie sich die Reformation in ihrem Land auf ganz eigene Art ausgebreitet hat. Im letzten Torraum wird gut sichtbar: Reformation ist ein Prozess! Ein Weg der Freiheit – von bedrängenden Lebensbedingungen zum Paradies. Angetrieben von Menschen, die daran glauben, dass Gott diese Welt gut gemeint hat und Menschen von Erwartungsdruck und Ängsten befreien will. Daran glauben Christen und sie erzählen von diesem ‚Leben in Freiheit‘ und setzen es hier und da um. Christliches Leben ist Leben in Freiheit und macht Freiheit! Vor 500 Jahren und heute. In Wittenberg erzählt die Weltausstellung Reformation, wie diese Freiheit heute empfunden, wie von ihr erzählt und wie sie anderen ermöglicht wird. Hier kommt man der christlichen Freiheit auf die Spur. Eine klare Reiseempfehlung für diesen Sommer!

 

Alle weiteren Infos über die Weltausstellung Reformation finden Sie auf https://r2017.org!

 

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