500 Jahre ist es her, dass Martin Luther mit seinen 95 Thesen in Kirche und Gesellschaft kräftig Staub aufwirbelte. Sein Ziel: Die Kirche muss klar machen, dass Gott vom Menschen kein vollkommen fehlerloses und erfolgreiches Leben erwartet. Gott will den Menschen vielmehr von Erwartungsdruck und Ängsten befreien. Christliches Leben ist für Luther Leben in Freiheit. Diese Erkenntnis ist der Kern der Reformation. Darum schauen wir, wenn in diesem Jahr 500 Jahre Reformation gefeiert wird, besonders auf die Freiheit. Das tut auch die große Openair-Ausstellung zum Reformationsjubiläum, die von Mai bis September 2017 in Wittenberg zu sehen ist. Sie führt durch sieben Tore der Freiheit.
Während des Kirchentages, der neben Berlin auch in Wittenberg mit zahlreichen Veranstaltungen aufwartete, habe ich mich auf den Weg durch diese Tore gemacht, um der reformatorischen Freiheit auf die Spur zu kommen:
Eigentlich sind die Tore der Freiheit ganze Tor-Räume, die sich entlang des Altstadtrings von Wittenberg erstrecken. Auf diese Weise wandelt man durch sieben Räume einmal um die Altstadt herum, in der die Reformation vor 500 Jahren vorangetrieben wurde. Der erste Torraum beginnt am Bahnhof und trägt den Namen ‚Welcome‘. Neben einer Aussichtsplattform, von der aus man einen guten Überblick über die Stadt und die Ausstellung erhält, wird man hier vom Reformations-Truck begrüßt. Der Truck hat in den letzten Monaten 68 Städte angesteuert, in denen die Reformation in ihren Anfängen mit gestaltet wurde. An der Luthereiche, die den Ort markiert, an dem Luther mit der Bannandrohungsbulle das Formular verbrannte, das ihn zum gebannten Mann erklärte, beginnt der Torraum ‚Spiritualität‘. Hier sieht man vor allem sich selbst. Grund dafür sind Gänge, Wände und Decken mit Spiegeln, die einen an unterschiedlichen Orten von unterschiedlichen Seiten zeigen. Reformation befreit zu einem unverstellten Blick auf sich selbst!

 

 

Es geht weiter zum nächsten Torraum. Dabei komme ich vorbei am Panorama-Bild von Yadegar Asisi. Ein gewaltiges, rundes Bild, das Wittenberg zur Zeit Luthers zeigt. Man hört das Stimmengewirr auf den alten Gassen und sieht, wie das Leben der Menschen bei Tag und Nacht von Klerus und Herrschern bestimmt wird.

 

 

Direkt vor den Panorama zieht mich ein anderes Stimmengewirr an. Hier beginnt der Torraum ‚Jugend‘ mit einem Klangparcours, auf dem man mitten im Park zu unterschiedlichsten Themen gesammelte Bibelausschnitte hören und lesen kann. Am Ende des Parcours wartet ein Labyrinth aus Baumstämmen auf mich – Symbol für die Jugend. Schön, wenn man es von außen betrachtet. Aber unübersichtlich, wenn man mittendrin steht. Und jeder findet seinen eigenen Weg hindurch. Reformation bedeutet seinen eigenen Weg gehen und ihn finden zu dürfen! Am Ende dieses Weges wartet der youngPOINTreformation, ein Treffpunkt, Jugendkirche und Kletterparcours in einem. Und eine spannende Ausstellung zum „guten Leben für alle“, die ich im Rahmen des Kirchentags dort besucht habe.
Weiter gehts in den Torraum ‚Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung’ mit der Ausstellung, die von allen Punkten am nachdenklichsten stimmt: Holzboote, größtenteils Wracks, erinnern an Flüchtlinge, die sich mit Hoffnung auf eine bessere Zukunft auf den Weg über das Mittelmeer machen. Hier lädt auch der Transformationspavillon zu einem Besuch ein, in dem es um die großen Ziele christlichen Lebens geht: Der Veränderung unserer Welt, hin zu mehr sozialem Zusammenhalt, Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Damit die Welt lebenswert bleibt und lebenswerter wird. Reformation heißt, dass Freiheit für das Leben aller Menschen gilt!

 

 

Diese Erkenntnis spielt auch im nächsten Torraum eine entscheidende Rolle. Er handelt von ‚Globalisierung und Eine Welt‘. Auch weltweit geht es darum, Menschen ein freies Leben zu ermöglichen, so wie Gott sich nach christlicher Überzeugung diese Welt eigentlich vorgestellt hat. Welche Unterschiede es auf der Welt gibt und was zu tun sein könnte, um Menschen an allen Orten ein Leben zu ermöglichen, das sie frei gestalten können. Das wird hier auf spielerische und künstlerische Weise erzählt. Wie passend, dass bei meinem Besuch während des Kirchentags in Wittenberg gerade in diesem Torraum Friedrich Schorlemmer unsere politische Verantwortung als Christen in den Blick nimmt. Und auch die Veranstaltungen zum Thema Zukunft der Kirche, die ich an diesen Tagen an diesem Ort besuche, haben hier ihren richtigen Platz. Denn ihr Fazit besteht gerade darin, dass Kirche dort Angebote machen muss, wo die Menschen ihr Leben verbringen und sich Fragen dazu stellen: in den Familien, in der Schule, in der Flüchtlingsunterkunft, auf der Straße, im Verein, im Internet, in der Bar natürlich auch in der Kirche selbst und an vielen weiteren Orten. Nur so verliert sie keinen Menschen aus den Augen. Kirche muss für jeden Menschen da sein, der ein offenes Ohr braucht, Gottes Nähe in seinem Leben sucht, der loswerden will, was ihm auf der Seele brennt und der den Segen für sein eigenes Leben sucht. Letzterem widmet sich in Wittenberg die Kirche aus Hessen-Nassau, die mit ihrem Segens-Roboter austestet, was es für einen Segen eigentlich genau braucht. Reicht für den Segen ein technisches Gegenüber? Wer von einem Menschen aus Fleisch und Blut gesegnet werden will, kann das dort in den Andachten der Lichtkirche tun…

 

 

Den zweiten Teil finden Sie hier!

 

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