Wenn Sie sich in diesem Moment an den für sie perfekten Ort versetzen könnten, wie würde er wohl aussehen? Ein Ort, an dem Sie es gut aushalten können, an dem es nichts auszusetzen gibt. Wo einfach alles stimmt!
Wie also würde dieser Ort aussehen? Wo würde dieser Ort liegen?
Würde man jetzt all unsere Gedanken zusammensammeln, würde sich wahrscheinlich ein bunter Strauß an Bildern ergeben. Oder vielleicht könnte man sich auch ein großes Haus vorstellen, ähnlich groß wie das Kloster Medingen. Ein Haus voll verschiedenster Räume mit perfekten Orten. Was würden wir zu sehen bekommen, wenn wir uns auf einen Rundgang durch die Räume dieses imaginären Hauses begeben würden? An welche perfekten Orte würden wir kommen? Und gibt es letztlich etwas, das all diese Orte verbindet, was sie alle zu perfekten Orten macht? Ich nehme Sie nun mit auf eine kurze Tour, bei der ich mit Ihnen einen Blick hinter einige Türen dieses Hauses der perfekten Orte werfen möchte.
Die erste Klinke, die ich herunterdrücke, gehört zu einer schlichten weißen Tür. Hinter ihr ist ein sanftes Rauschen zu hören. Als ich sie öffne, umweht ein frisch-salziger Wind meine Nase. Ich stehe vorm Meer. Der Raum ist weit, sehr weit. Nichts begrenzt die Sicht, hier fällt es mir leicht, meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Alles, was mich sonst einnimmt, verliert hier seine Kraft. Je länger ich mich in diesem Raum aufhalte, desto mehr werde ich eins mit dieser Weite. In diesem Raum fühle ich mich einfach leicht, nichts beschwert mich.
Die nächste Tür, vor der ich stehe, wird von einem schönen Kranz geziert. Er ist aus Nadelholz gebunden und enthält kleine Schleifen aus rotem Band. Als ich den ersten Blick hineinwerfe, fällt mir sofort auf, dass dieser Raum deutlich kleiner ist als der erste. Dafür strahlt er eine umso größere Gemütlichkeit aus. Die Wände sind mit rotbraunem Holz getäfelt. In der Ecke steht ein festlich geschmückter Weihnachtsbaum und es duftet herrlich nach Keksen. Draußen ist es dunkel, nur der Mond scheint freundlich durch das Fenster. Die beiden Sofas in der Mitte des Raumes laden dazu ein, sich niederzulassen und es sich gut gehen zu lassen. Ich fühle mich aufgehoben in diesem Raum. Aus dem angrenzenden Zimmer höre ich meine Mutter fröhlich rufen. Eine umfassende Zufriedenheit, wie ich sie zuletzt als Kind gekannt habe, steigt in mir auf. Ich fühle mich sorglos und getröstet zugleich und voller Freude.
Ich ziehe weiter in den nächsten Raum. Schon vor der Tür ist ein kräftiges Stimmengewirr zu hören. Als ich die Tür öffne, stehe ich vor einer langen Tafel, an der zahlreiche Menschen sitzen und sich munter unterhalten. Fast laut ist das Stimmengewirr. Doch die sich so fröhlich austauschenden Leute erfreuen mein Herz. Ganz unterschiedliche Menschen finden an dieser Tafel Platz. An der einen Seite des Tisches entdecke ich eine Gruppe von Kindern, die fröhlich miteinander spielen. Schön gekleidete Frauen und Männer unterhalten sich, während sie das Essen, den Wein und die anderen Getränke auf der reich gedeckten Tafel genießen. Verschiedenste Sprachen hallen durch den Raum und ich beobachte, wie Menschen aus Afrika neben Europäern, Asiaten, neben Südamerikanern sitzen und fröhlich miteinander feiern. Ein Mann mittleren Alters dreht sich zu mir um und bittet mich, doch auch an dem Tisch Platz zu nehmen. Im nächsten Moment sitze ich an der langen Tafel vor einem gefüllten Teller. Ein Glas wird mir gereicht und das Du angeboten. Mit großem Interesse erkundigen sich meine Tischnachbarn nach mir, hören an, was mir auf der Seele liegt, teilen mit mir Freud und Leid. Interessiert höre ich ihre Geschichten an. Wir lachen und weinen zusammen. Ich fühle mich angenommen und verstanden.
Nur schwer löse ich mich aus diesem Raum, ähnlich schwer wie aus den anderen. Es sind wirklich perfekte Orte, denen ich dort begegnet bin. Noch an zahlreichen weiteren Räumen komme ich vorbei. Hinter einigen Türen ist lautes fröhliches Lachen zu hören, hinter anderen Vogelgezwitscher, eine sanfte Musik oder einfach nur eine angenehme Stille zu vernehmen. Ich genieße den Aufenthalt in jedem dieser Räume und aus keinem möchte ich gerne wieder gehen, wenn mich nicht meine Neugier weiter treiben würde. Bis ich vor der letzten Tür stehe, die mich schließlich und beinahe überraschend wieder nach draußen führt; rein in mein normales Leben, in dem nicht alles perfekt ist. Und als ich mich umdrehe, um wieder schnellstmöglich zurück durch die Tür zu gehen, durch die ich gerade gekommen bin, da ist die Tür zum Haus mit den perfekten Orten plötzlich verschlossen. Denn perfekte Orte können wir oft nur für kurze Zeit betreten. Es sind Momente, die unser Leben schöner machen, in denen alles passt, in denen wir ganz aufgehen und alles plötzlich Sinn ergibt. Es ist eine Stimmung, die das Herz berührt, wie beim ersten Gang ans Meer seit einem Jahr, beim Anzünden der Kerzen am Weihnachtsbaum oder beim Erleben eines unerwarteten Abends in geselliger Runde.
Und doch sehnen wir uns als Menschen nach mehr als nur nach Momenten. Wer kennt nicht den Wunsch, dass alles perfekt läuft, insbesondere wenn gerade vieles sehr schwergängig ist, wenn Aufgaben einen zu übermannen drohen, oder Sorgen über die Gesundheit einem wie Blei im Magen liegen! Es liegt uns als Menschen in unserem Wesen, unser Leben zu einem möglichst perfekten Ort werden zu lassen. Und weil wir immer wieder die Erfahrung machen, dass uns das nicht gelingt, wird unsere Sehnsucht immer größer. Zu jedem Geburtstag wünschen wir uns gegenseitig, dass das neue Lebensjahr gelingen möge, also möglichst „perfekt“ werden möge. Und weil wir darum wissen, dass wir das nicht alleine umsetzen können, wünschen wir den Geburtstagskindern Gottes Segen für dieses Vorhaben. Auch bei der Taufe wünschen Eltern und Paten Ihren Kindern und Patenkindern, dass ihr Leben ein möglichst perfekter Ort werden möge. Das ihr Leben unter einem höherem Schutz steht.
Der Autor des 84. Psalmgebets ist davon überzeugt, dass wir als Menschen nicht alleine dafür sorgen können, dass unser Leben gelingt. Und darum sehnt sich der Beter nach den „perfekten“ Wohnungen Gottes: „Wie lieb sind mir deine Wohnungen, du Herr der himmlischen Heere“, schreibt er. „Ich war voller Sehnsucht, ein einziger Wunsch brannte in meiner Seele: Ich möchte so gerne beim Herrn sein – in den Höfen, die seinen Tempel umgeben. Festfreude erwärmt mir Herz und Leib. Ich bringe sie vor den lebendigen Gott.“ Er ist überzeugt: wie der Sperling und die Schwalbe einen sicheren Ort vor der schleichenden Nachbarskatze finden können, so kann dies auch der Mensch. Der Ort, an dem er sich sicher und aufgehoben fühlt, an dem alles sinnvoll wird, sein perfekter Ort – ist bei Gott. Er taucht das alte Leben in ein neues Licht. Bei Gott scheint für ihn mitten in seinem Leben der Himmel auf. Und darum sehnt er sich danach bei Gott zu sein, mit seinem ganzen Fühlen, Denken und Handeln.
Vor 230 Jahren wurde dieses Klostergebäude als Neubau des 7 Jahre zuvor abgebrannten alten Klostergebäudes durch den Konsistorialrat Johann Friedrich Jacobi eingeweiht. Für seine Festpredigt wählte der Konsistorialrat eben diese Worte aus dem 84. Psalm:
„Wie lieb sind mir deine Wohnungen, du Herr der himmlischen Heere. Ich war voller Sehnsucht, ein einziger Wunsch brannte in meiner Seele: Ich möchte so gerne beim Herrn sein – in den Höfen, die seinen Tempel umgeben.
Festfreude erwärmt mir Herz und Leib. Ich bringe sie vor den lebendigen Gott.“
Endlich hatte der Konvent wieder einen neuen Ort. Und auch, wenn der Konvent dieses Mal an der gleichen Stelle wohnhaft bleiben konnte, war das Gebäude doch nun ein ganz neues. Ein klassizistischer Neubau. Ein neuer Ort am alten Ort. Und damit verbanden sich viele Hoffnungen. Man wünschte sich, dass das neugebaute Kloster ein segensreicher Ort werden würde. Ein Haus hinter dessen Türen sich, so Gott will, in dem ein oder anderen Moment ein perfekter Ort eröffnen würde und zumindest dann und wann ein Stück vom Himmel zum Vorschein käme. Das neugebaute Kloster sollte eine Wohnung Gottes sein, ein Ort für Menschen, an dem man sich aufgehoben fühlt und an dem der Sinn, der hinter diesem Leben liegt, immer wieder aufscheint. Dass dieses Kloster so ein Ort sein möge, an dem der Himmel immer wieder aufscheint, ist ein Wunsch, der auch nach 230 Jahren noch genauso gilt wie bei der Einweihung dieses Gebäudes. Und darum wünsche ich ihm und dem Ort, zu dem es gehört, auch im Jahr 2018 mit den Worten des alten Konsistorialrats:
„Nun geliebtes Medingen sey und bleibe eine Wohnung Gottes und heiliger Seelen. Freundschaftliche Verbindungen und dadurch entstehende Seeligkeiten machen dich dem Himmel ähnlich.“

Predigt zum 230. Jubiläum des Klosterneubaus Medingen

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