Golden scheint die Morgensonne auf die Dächer von Medingen und ganz Bad Bevensen. Noch liegt die feuchte Kühle der Nacht in der Luft, gut erkennbar an den kleinen glitzernden Perlen auf den Grashalmen und Büschen. Sanft steigt aus den Schornsteinen der kleinen Häuser weißer Dampf auf und formt kleine Wölkchen über den Dächern. Ich laufe los. Durch die frische Luft hinein in den Wald. Die Sonne steht nun hoch am Himmel und bringt ihr Licht und ihre Wärme zwischen die Zweige der Bäume. Es leuchtet. Rot, orange und gelb. Welche Farbenpracht! Einzig unterbrochen von Durchschimmern des Himmelsblaus zwischen den Ästen. Ich schaue auf zu den Bäumen und versinke in den Farben. In der Ferne klopft ein Specht. Deutlich ist zu hören, wie er mit seinem Schnabel in den Stamm eines Baumes hämmert. Über meinem Kopf ziehen zwei Krähen ihre Kreise. Nun sind sie wieder die Herren hier im Wald, nachdem sich die Zugvögel schon lange in den warmen Süden aufgemacht haben, denke ich. Ich höre dem Klopfen und Krächzen der Vögel zu – und nicht nur dem: Denn wie ich so laufe, macht sich das Laub an meinem Fuß mit herrlichem Rascheln bemerkbar. Und es knackt, wenn ich mit meinem Fuß eine Eichel oder eine Kastanie erwische und diese durch den Druck mit einem kräftigen Kracks aufbrechen. Als ich auf meinem Waldweg um die Ecke biege, entdecke ich einen Fliegenpilz an einem alten Buchenstamm stehen. Wie sehr habe ich mich als Kind immer gefreut, wenn plötzlich an einer Stelle ein Fliegenpilz aufragte, an der einen Tag zuvor noch nichts gestanden hatte. Als hätte ihn jemand über Nacht einfach dort hin gesteckt! Während ich an Sträuchern mit knallig roten Hagebutten entlanglaufe, erinnere ich mich daran, wie ich als Kind immer wieder mit Gummistiefeln bewaffnet mit meinen Eltern durch den Herbstwald gelaufen bin. Wie besonders mir damals alles vorgekommen war. Eine ganze Welt gab es damals zu entdecken. Eine Welt, die scheinbar über Nacht vor den Fenstern unserer Wohnung geschaffen worden war und die es nun zu entdecken galt.
Ich laufe vorbei an der dampfenden Jod-Sole-Therme, die gerahmt von den bunten Bäumen im Kurpark heute sogar noch einladender aussieht als sonst. Da springt plötzlich direkt vor meinen Füßen ein Eichhörnchen entlang. Im Maul trägt es eine riesige Walnuss. Dann klettert es geschwind einen Baum empor, der am Ilmenauufer in die Höhe ragt. Langsam kriecht mir die so herrlich duftende kühle Herbstluft unter die Kleidung. Ich beschließe, mich schnell in ein Café zurückzuziehen. Nach diesem Spaziergang habe ich herbstliche Lust auf eine große Tasse warmen Kakao. Ich setze mich ans Fenster und schaue hinaus in die Natur, sehe den fallenden bunten Blättern hinterher. Wieder denke ich daran, mit welcher Freude ich als Kind den Herbst genossen habe. Ähnlich wie den Frühling, in dem die Bäume endlich neue Blätter bekamen, die Vögel wieder so schön zwitscherten und man endlich wieder draußen ohne Jacke spielen konnte. Oder den Sommer, in dem wir uns viel im Garten aufhielten, badeten und in der Sonne spielten. Oder den Winter, der mit ein bisschen Glück die ganze Landschaft in eine weiße Wunderwelt verwandelte. Während ich meiner Kindheit nachsinne, serviert mir die Kellnerin den von mir bestellten heißen Kakao. Ich atme tief ein, genieße den Duft und bin einfach nur dankbar, dass es Kakao gibt. Ich bin dankbar, dass es den Herbst gibt. Dass es Bäume gibt, bunte Blätter und knackende Eicheln. Ich bin dankbar, dass es Raureif gibt und Eichhörnchen mit Walnüssen im Maul. Ich bin dankbar, dass es Fliegenpilze gibt und dass die Krähen nicht auch gen Süden fliegen. Und ich bin dankbar, dass es mich gibt. Dass ich ein Teil von alle dem sein darf. Dass ich dies erleben darf. Dafür danke ich Dir, Gott.
Ohne darüber nachzudenken, merke ich, dass ich gerade angefangen habe zu beten. Dass ich, ohne es zunächst zu merken und ohne dass ich es beabsichtigt habe, ein Tischgebet gesprochen habe. Einfach, weil ich dankbar war. Ich war wieder in der Stimmung, die ich als Kind so gut gekannte hatte, die ich aber mit dem Erwachsenwerden allmählich immer mehr vergessen hatte. Ich hatte gestaunt! Gestaunt über all das, was mir da auf diesem Weg begegnet war. Über die bunten Blätter und das Eichhörnchen, die kühle Luft und nicht zuletzt den heißen Kakao. Schon lange hatte ich ein Getränk nicht mehr so wert geschätzt, wie diesen Kakao. Und dabei war er ja nichts anderes als ein ganz normaler Kakao. Der nach Kakao schmeckte. Aber eben nicht nur nach Kakao! Er schmeckte auch nach Herbst, nach meiner Kindheit, nach dem besonderen Geschenk, das diese Welt für uns als Menschen ist. Ein von Gott wohl gemeintes Geschenk, das wir als Menschen genießen dürfen und vielleicht sogar müssen, um seine ganze Größe zu entdecken. Mit den Füßen im Laub und den Lippen am Kakao tauchte ich wieder in das Staunen meiner Kindheit ein. Und plötzlich war mir mein Leben nicht mehr so selbstverständlich vorgekommen wie sonst. Das gefallene Laub hatte begonnen zwischen meinen Füßen zu rascheln und verstopfte nicht wie gewohnt meine Scheibenwischeranlage. Der Raureif ließ die Natur glitzern, wurde zum Schmuck von Pflanzen und Wiesen und machte nicht wie üblich nur meine Hosenbeine nass. Im Fliegenpilz sah ich einen fröhlichen roten Tupfen auf meinem Weg und nicht ein giftiges Gegenüber.
So vieles in unserem Leben, so vieles auf dieser Welt hat positive und negative Seiten, besteht bei genauerer Betrachtung aus Licht und Schatten.
Ob eine Sache oder gar ein Lebewesen von uns als gut oder nicht gut eingeordnet wird, welchen Wert sie oder es für uns hat, das hängt letztlich an unserem menschlichen Kalkül. Nachdem sich die ersten christlichen Gemeinden gegründet hatten, stritten sich in mehreren dieser Gemeinden die Christen darüber, was ein Mensch nun essen sollte und was nicht. Und auch heute haben die einzelnen Religionen unterschiedliche Ansichten davon, z.B. welches Fleisch man nicht essen sollte. Während der Islam und das Judentum sagen, dass das Schweinefleisch unrein ist und deswegen nicht gegessen werden darf, ist für den Hinduismus die Kuh heilig, weshalb man dort kein Rindfleisch essen darf. Und auch unabhängig von Religionen gibt es verschiedenste Ansichten darüber, ob bzw. welche Tiere ein Mensch essen darf. Es sind unsere Bewertungssysteme, die darüber entscheiden was wichtig und was weniger wichtig ist. Was gut ist und was nicht gut, wird von Menschen mit unterschiedlichen Begründungen beschlossen. Gegen diese menschlichen Bewertungskategorien wendet sich der Autor des 1. Timotheusbriefs, den wir vorhin gehört haben. Er schreibt entgegen aller menschlicher Bewertungen: „Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts hat er verworfen.“ „Alles was Gott geschaffen hat ist gut“! „Nichts hat er verworfen“! Nichts ist unbedeutend, nichts und niemand ist weniger wert. Und schon gar nicht liegt die Bedeutung einer Sache oder gar einer Person an irgendwelchen von Menschen selbstgemachten Gründen.
Alles hat die gleiche große Bedeutung. Weil es von Gott kommt. Jeder hat die gleiche große Bedeutung. Weil er oder sie oder es von Gott kommt. „Wir müssen es nur mit Dankbarkeit von ihm entgegennehmen“, wie der Autor des Timotheusbriefes schreibt. Wenn wir etwas mit einem dankbaren Auge anschauen, dann erkennen wir erst seine besondere Bedeutung! Eine Bedeutung, die wir ihm nicht selbst zugemessen haben, sondern die von Gott kommt. Eine Bedeutung, die in allem liegt, was es auf dieser Welt gibt, was auf dieser Welt lebt und was uns mit dieser Welt geschenkt wurde. In diese dankbare Stimmung, in dieses Staunen gegenüber allem und jedem auf dieser Welt gilt es sich immer aufs Neue zu versetzen. Durch einen Herbstspaziergang, durch einen Erntedankgottesdienst oder durch ein Tischgebet. So wie es mir am Ende meines Herbstspaziergangs fast automatisch über die Lippen floss, als ich diesen wunderbaren Kakao in meinen Händen hielt und der wohlige Schokoladenduft in meine Nase zog:
Ich atme tief ein, genieße den Duft und bin einfach nur dankbar, dass es Kakao gibt! Ich bin dankbar, dass es den Herbst gibt. Dass es Bäume gibt, bunte Blätter und knackende Eicheln. Ich bin dankbar, dass es Raureif gibt und Eichhörnchen mit Walnüssen im Maul. Ich bin dankbar, dass es Fliegenpilze gibt und dass die Krähen nicht auch gen Süden fliegen. Und ich bin dankbar, dass es mich gibt. Dass ich ein Teil von alledem sein darf. Dass ich dies erleben darf. Dafür danke ich Dir, Gott.

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