Ein Pfarrer besucht zu Fuss das Nachbardorf. Unterwegs gerät er in einen Sumpf, aus dem er sich nicht mehr befreien kann. Voller Vertrauen bittet er Gott um Hilfe. Da erklingt das Sirenenhorn und die Feuerwehr fährt vor bei. Er lehnt ihre Hilfe dankend ab. „Ich habe gebetet, Gott wird mir helfen, fahrt zu eurem Einsatz!“ Als die Feuerwehr zurückkommt, steckt er schon bis zum Bauch im Schlamm. Wieder lehnt er die Hilfe ab, schließlich will er seinen vorbildlichen Glauben in Gottes Hilfe demonstrieren. Als die Feuerwehr für den nächsten Einsatz vorbeikommt, steckt er schon bis zum Hals im Sumpf. Wiederum lehnt er die Hilfe ab, denn sein Glauben in Gottes rettendes Eingreifen ist unerschütterlich. Als die Feuerwehr wieder zurückkommt, ist er verschwunden.

An der Himmelspforte wird er von Petrus herzlich empfangen. Doch der Pfarrer will zuerst ein ernstes Wörtchen mit ihm sprechen: „Ich habe so gebetet und geglaubt, und doch bin ich umgekommen. Was ist eigentlich mit euch im Himmel los?“ Petrus zuckt die Schultern und antwortet: „Tut uns leid, aber mehr als dreimal die Feuerwehr vorbeischicken können auch wir nicht!“

Wo finde ich Gott, liebe Gemeinde? Wie bemerke ich ihn, dann wenn mir das Wasser bis zum Hals steht, aber auch in meinen ganz alltäglichen Situationen? Wo zeigt sich eigentlich, dass es etwas Göttliches gibt, auf das diese Welt zurückgeht? Nun… diese Frage ist so alt wie die Menschheit. Schon immer fragten sich die Menschen, auf welchen Urgrund diese Welt zurückgeht, auf welchem Grund es Leben und vor allem ihr eigenes Leben gibt. Sie beschäftigten sich damit – und es entstanden die Religionen. Religionen gibt es, weil Menschen ihrem Leben sozusagen auf den Grund gehen! Und sie fanden für sich verschiedenste Antworten auf ihre Fragen. Und darum gibt es auch so viele verschiedene Religionen auf der Welt, so viele wie es Kulturen gibt. Manche entdeckten und entdecken bis heute Gott in der Natur. Manche von ihnen glauben daran, dass sich das Göttliche auf mehrere Götter mit verschiedenen Charakteren verteilt, manche anderen, dass Gott sich als Kraft in der Natur zeigt. Andere entdecken das Göttliche im Tanz, beim Sport oder in spirituellen Praktiken, wieder andere in einer Formel, nach der die Abläufe in der Natur geschehen. Andere nähern sich dem Göttlichen auf philosophische Weise. Und nochmal andere finden Gott in Heiligen Schriften, die wiederum Erkenntnisse von und Erlebnisse anderer Menschen mit Gott enthalten. So viele verschiedene Wege, sich dem Urgrund dieser Welt und des eigenen Lebens zu nähern! Und doch verbindet alle – die gleiche Suche nach dem Sinn und der Ursache dieser Welt und die gleiche Leidenschaft für das eigene Leben. Religiöse Menschen, könnte man also sagen, sind leidenschaftliche Menschen. Dazu beglückwünsche ich uns! Leidenschaftlich leben, das ist wie ich finde wirklich etwas Großartiges! Wer wirklich unterwegs ist auf der Suche nach Göttlichem in sich und in dieser Welt, der lebt leidenschaftlich!

Allerdings bedeutet das Angehören einer Religionsgemeinschaft noch nicht automatisch, leidenschaftlich zu leben. Religionsgemeinschaften sind nicht per se leidenschaftlich, sondern nur dann, wenn sie auch inbrünstig auf der Suche nach Gott in ihrem Leben und in dieser Welt sind! Wer meint, Gott immer schon fest gefunden zu haben, verliert seine religiöse Leidenschaft. Wer meint, bei Gott angekommen zu sein, der ist nicht mehr auf dem Weg zu Gott. Auch in anderen Bereichen seines Lebens kann man merken, welch besonderer Zauber in diesem Auf-dem-Weg-Sein liegt. Ich gebe Ihnen da gerne einmal ein Beispiel: Als Kind habe ich von meinen Eltern zu einem Weihnachtsfest eine Modelleisenbahn geschenkt bekommen. Jedes Jahr in der Adventszeit habe ich sie von neuem aufgebaut: einen Gleisplan entworfen, Schienen zusammengesteckt, alles elektrifiziert, unter dem Brett reihenweise Kabel gesteckt. Es wurden Häuser aufgebaut und angeordnet und beleuchtet, Straßen wurden geklebt und mit Laternen und Straßenschildern ausgestattet. Wiesen, Blumen, Zäune, Telefonzellen, Zapfsäulen, Autos, Fahrräder wurden installiert, bis zum Schluss die Figuren in die liebevoll zusammengestellte Stadt eingezogen sind. Alles in der Adventszeit und immer mit dem Ziel, an Weihnachten mit allem fertig zu werden. Jeden Tag, an dem ich eine Tür meines Adventskalenders öffnete, öffnete ich auch die Tür zu dem Zimmer mit der Modellbahnanlage. Jede Minute, die mir zur Verfügung stand, ging ich an dieses Werk, um es pünktlich fertig zu bekommen. Für mich wohnte diesem jährlich wiederkehrenden Projekt ein großer Zauber inne. Und ich freute mich über den Moment, in dem die Anlage dann komplett fertiggestellt war. Doch dann… nach der Fertigstellung der Anlage verlor diese immer ein wenig von ihrem Reiz. Mit der Fertigstellung zu Weihnachten zog Routine ein, kein Suchen und Werkeln mehr an der perfekten Modellstadt, sondern ein Verwalten des schon Gefundenen. Den Zauber erhielt meine Modellbahnanlage dann im nächsten Dezember zurück, wenn das Aufbauen wieder losging und das Suchen nach der perfekten Modellstadt von neuem begann. 

Leidenschaft kann schnell versiegen, wenn man meint schon gefunden zu haben, was man suchte. So ist es auch bei den Religionsgemeinschaften: was uns leidenschaftlich macht, ist die Suche, der Wille nach dem Göttlichen. Nicht das einfache Verwalten von scheinbar gefundenen Wahrheiten und die unhinterfragte Ausübung der altbekannten religiösen Praktiken! Wer wirklich, wer leidenschaftlich sucht, der weitet seinen Blick, um Gott entdecken zu können, und beschränkt nicht seinen Blick.

So einen eingeschränkten Blick kritisiert auch Jesus an der damaligen religiösen Praxis seines Volkes. Er sagt:

39 „Ihr erforscht die Heiligen Schriften, weil ihr meint, durch sie das ewige Leben zu erhalten. Auch die sind meine Zeugen.Aber ihr wollt euch mir nicht anschließen, um das ewige Leben zu erhalten. Ich bin nicht darauf aus, dass Menschen mir Herrlichkeit zugestehen. Außerdem habe ich euch durchschaut: Ihr habt keine Liebe zu Gott in euch.“ (Joh 5, 39-42)

Deutliche Worte, die Jesus da an seine Zeitgenossen richtet und die auch an uns gerichtet sind. Die religiöse Praxis, die Suche nach Gott besteht in seinem Volk insbesondere darin, die heiligen Schriften zu erforschen. Das hält Jesus auch durchaus für richtig, wie er sagt, aber es ist eben nicht alles. Er fordert dazu auf den Blick zu weiten, dahingehend, wie das Göttliche, wie Gott NOCH entdeckt werden kann. Jesus selbst, so kann man sagen, war darin ein richtiger Meister. Sein ganzes Leben widmete er dazu, den Menschen Gott nahe zu bringen. Und er tat das auf ganz unterschiedliche Weise. Mit symbolischen Geschichten, also seinen Gleichnissen, mit seiner Zuwendung zu Menschen, die vom Gesellschaftssystem und anderen Menschen an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden; indem er ihre Sorgen anhörte, ihnen half und sich zusammen mit Verachteten an einen Tisch setzte. Indem er Streitgespräche führte, seinen Anhängern Fragen beantwortete und indem er freiwillig seinen Tod am Kreuz auf sich nahm. 

Jesus wollte die Menschen um sich herum dazu bringen, wieder so richtig nach Gott zu suchen; mit einem weiten Blick zu suchen und dadurch wieder leidenschaftlich und intensiv zu leben! Denn in meiner leidenschaftlichen Suche nach Gott zeigt sich meine Liebe zu Gott. Die Liebe, die Jesus bei seinem Gegenüber vermisst, als er sie dazu auffordert, ihren Blick für Gott zu weiten. 

Jesus fordert sie und damit auch uns heute dazu auf, achtsam zu sein. Achtsam für den göttlichen Atem in meinem Leben, den ich an so vielen Stellen meines Lebens spüren kann. Gott kann an so vielen Stellen in meinem Leben auftauchen, weil das Göttliche mir als Liebe begegnet, als geschenkter Atem meines Lebens, im unendlich weiten Sternenhimmel, in einer Familie, die meinem Leben Halt gibt, im Morgenrot, das einen neuen Tag verspricht. In Menschen, die mich sehen, wenn ich das Gefühl habe von aller Welt verlassen zu sein, in einer Gesellschaft die füreinander einsteht und der diese Welt und alle Generationen nach ihr nicht egal sind. Gott lässt sich als Liebe in meinem Leben und in dieser Welt entdecken. Wer Gott sucht, lebt leidenschaftlich. Der bzw. die lässt sich von dieser Welt noch verzaubern wie ein Kind. Achtsam für das Göttliche im Leben zu sein, bedeutet zu leben wie ein Kind. Voller Vorfreude auf alles was es zu entdecken gibt, voller Leidenschaft für das Leben, mit einem großen Glauben an das Gute. Als Erwachsener so zu leben, mag naiv klingen, aber es nimmt den tieferen Sinn ernst, der in dieser Welt steckt. Wer eine Achtsamkeit für das Göttliche entwickelt, der kann den tieferen Sinn seines Lebens und dieser Welt entdecken. Dies geht aber nur mit einem weiten Blick, wie Jesus deutlich macht. Gott erschöpft sich nicht in festen Formen und Gebräuchen, Gott taucht auch an anderen Orten auf. Der christliche Verlag „Andere Zeiten“ macht mit dieser Feststellung Jesu ernst. Vor einigen Jahren brachte er ein Buch und eine Web-App (also ein Programm auf einer Internetseite) heraus, in der jene Orte vorgestellt werden, die Menschen als ihre ganz persönlichen Orte der Gotteserfahrung wahrnehmen. Dieses Projekt nennen sie „Andere Orte“. Ein wunderschönes Buch, das den Blick für Gott weitet und das, wie ich finde, noch ergänzt werden könnte von weiteren Büchern, z.B. über „Andere Formen“. Denn seit einigen Jahren haben sich neue christliche Gemeinschaften innerhalb unserer evangelischen Kirche gebildet, die ganz neue Formen für sich erproben, um Gott zu entdecken, z.B. bei einer Andacht bei einem gemeinsamen Abendessen, beim Spazierengehen, oder auf einem Popkonzert. Gott erschöpft sich nicht in festen Formen und Gebräuchen, Gott taucht auch an anderen Orten auf andere Weise auf. Gott ist mehr, Gott ist die Liebe. Gott ist ein Gott, der uns anschaut, auf vielen verschiedenen Wegen. Lasst ihn uns leidenschaftlich entdecken!

 

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